Wie „Fakten“ vom Prüfresultat zur Zuständigkeitsbehauptung werden
tl;dr: Der Text unterscheidet zwischen Verfahrensfaktizität (Fakt gilt, weil er prüfbar ist) und Autoritätsfaktizität (Fakt gilt, weil ihn eine Instanz beglaubigt). In der Krise erodiert die abstrakte Allgemeinheit, die Verfahren trägt – dadurch kippt „Fakt“ zur Zuständigkeitsbehauptung. Autoritäre Akteure tarnen diese Schließung als „Aufklärung“: „Die Fakten werden ans Licht kommen.“
„Die Fakten werden ans Licht kommen.“ Das ist einer dieser Sätze, die wie ein Schutzhelm klingen: rational, geduldig, verantwortungsvoll. In Wahrheit ist er oft die elegante Variante von „Schluss jetzt“. Greg Bovino, ein leitender Vertreter des US-Einwanderungsapparats, benutzt die Formel nach der tödlichen Erschießung des Krankenpflegers Alex Pretti in Minneapolis – in einer Situation, in der Bildmaterial, Augenzeugenberichte und offizielle Verlautbarungen bereits miteinander kollidieren. Der Satz ist nicht der Beginn eines Prüfprozesses, sondern eine Ankündigung, wer den Streit später beenden will.
Dass er als vernünftig durchgeht, ist kein Zufall. Es ist Symptom einer Krise der Geltung selbst: Nicht nur Inhalte sind umkämpft, sondern die gesellschaftliche Form, in der „Wirklichkeit“ verbindlich wird. Wer das auf „Desinformation“ oder „Polarisierung“ reduziert, verwechselt Oberfläche und Mechanik. Die entscheidende Frage lautet: Auf welche Weise wird Faktizität legitimiert – und warum kippt diese Legitimation gerade jetzt?
Zwei Regime der Faktizität
Man kann den gegenwärtigen Geltungswandel mit einer Unterscheidung fassen, die nicht psychologisch erklärt, sondern formal: Verfahrensfaktizität und Autoritätsfaktizität.
Verfahrensfaktizität meint: Etwas gilt als „Fakt“, weil es in Verfahren der Abstraktion hinein übersetzbar ist – in Regeln, Standards, Begründungspflichten, die prinzipiell gegen Personen greifen sollen. Quellenvergleich, Nachprüfbarkeit, Protokollierung, Widerspruchsoffenheit, Beweisregeln: das ist mühsam, oft unerquicklich, nie rein. Und es ist historisch keineswegs nur „Fortschritt“: Gerade im Sicherheits- und Migrationsbereich hat die Prozedur Gewalt nicht aufgehoben, sondern in eine gesellschaftlich akzeptable Form überführt. Trotzdem enthält Verfahrensfaktizität eine entscheidende Grenze: Sie bindet Behauptungen an eine Prüfpflicht. Sie zwingt zur Übersetzung in etwas, das nicht vom Charisma, nicht von Uniform, nicht von „Zuständigkeit“ lebt – sondern von Gründen.
Autoritätsfaktizität ist demgegenüber nicht einfach eine andere Methode, sondern die systematische Entwertung dieser Prüfpflicht. „Fakt“ gilt hier nicht, weil er sich als überprüfbar erweist, sondern weil er beglaubigt wird: durch Amt, Apparatur, Sprecherposition. Sie stellt Zuständigkeit vor Prüfung und liefert häufig gleich die moralische Grammatik mit, in der der Vorgang zu lesen ist: Wer Opfer ist, wer Täter, wer „Gefährder“, wer „Aufwiegler“. Das Entscheidende: Autoritätsfaktizität tritt selten in der offenen Form „Glaubt uns“ auf. Sie tarnt sich. Sie spricht die Sprache des Verfahrens, um das Verfahren zu suspendieren: „Ermittlungen laufen“, „wir werden alles aufklären“, „die Fakten kommen ans Licht“. Der Satz klingt prozedural – und erledigt das Prozedurale.
Im Bovino-Beispiel zeigt sich genau diese Doppelbewegung: Während öffentlich sichtbares Material relativiert wird („zu früh“, „aus dem Zusammenhang gerissen“), wird gleichzeitig eine Setzung angeboten, die nicht diskutiert, sondern übernommen werden soll – etwa, wenn er die Beamten zu „Opfern“ erklärt. Das ist keine Beschreibung, sondern eine normative Schließung im Fakt-Ton. Autoritätsfaktizität bewertet als Tatsache.
Der Aufschub als Umschaltpunkt
Die Formel vom späteren Licht ist deshalb so wirksam, weil sie ein alltägliches, legitimes Element von Verfahrensfaktizität kapert: den Aufschub. In einer funktionierenden Verfahrensöffentlichkeit bedeutet Aufschub: Wir wissen noch nicht genug, also sichern wir Material, erweitern Perspektiven, prüfen. Die Öffentlichkeit ist dabei – im Anspruch – Adressatin der Begründung.
Im Regime der Autoritätsfaktizität hat Aufschub eine andere Funktion: Er entwertet das vorhandene Material, ohne es zu widerlegen. Er erklärt das Sichtbare für „vorläufig“ und die Kritik für „voreilig“, um den späteren Abschluss als offiziellen Schlusspunkt zu privilegieren. Damit verschiebt sich die Leitfrage. Aus „Was ist der Fall?“ wird „Wer darf den Fall schließen?“ Genau hier kippt Faktizität von einem Ergebnis der Prüfung zu einer Frage der Zuständigkeit.
Man unterschätzt leicht, wie tief diese Verschiebung geht. Denn sie verändert nicht nur, was geglaubt wird, sondern wodurch Glaubwürdigkeit überhaupt hergestellt wird. Verfahrensfaktizität beruht auf der Zumutung, dass Wirklichkeit durch Abstraktion – durch Regeln, die über Personen hinaus gelten – verbindlich werden kann. Autoritätsfaktizität ist die Umstellung auf das Gegenteil: Wirklichkeit wird durch Schließung hergestellt, und Schließung wird durch Instanz legitimiert.
Warum diese Umstellung möglich wird
Der schnelle Ausweg wäre erneut psychologisch: Menschen wollten einfache Gewissheiten, folgten lieber starken Figuren. Das ist die falsche Ebene. Der Umschlag ist vor allem ein Krisenphänomen der gesellschaftlichen Form.
Verfahrensfaktizität setzt eine abstrakte Allgemeinheit voraus: die Vorstellung – und praktische Wirklichkeit –, dass es Regeln gibt, die unabhängig von Person und Lager gelten, und Institutionen, die diese Regelgeltung tragen. Diese Allgemeinheit ist nicht „natürlich“. Sie ist das Ergebnis einer spezifischen gesellschaftlichen Konstitution, in der Menschen sich überhaupt nur als formale Gleiche begegnen können, weil sie zugleich in einer Ordnung leben, die sie materiell gegeneinander stellt. Abstrakte Allgemeinheit ist damit doppeldeutig: Sie verdeckt, sie nivelliert, sie stabilisiert Herrschaft – und sie ermöglicht zugleich Formen von Geltung, die nicht bloß persönliche Treue oder unmittelbare Gewalt sind.
In der Krise spitzt sich dieser Widerspruch zu. Die Ordnung braucht Allgemeinheit – kann sie aber immer weniger herstellen. Genau darin liegt der krisentheoretische Kern: Die gesellschaftliche Reproduktion produziert systematisch Situationen, in denen die Abstraktionen, von denen sie lebt, ihre Integrationsleistung verlieren. Nicht „die Wahrheit“ verschwindet, sondern die Fähigkeit, Wahrheit in eine gemeinsam bindende Form zu bringen.
Das lässt sich ohne großen Jargon an drei Formbedingungen zeigen, die unter Krisendruck brüchig werden:
- Zeit: Verfahren brauchen Zeit, weil sie das Unmittelbare in Regeln übersetzen müssen. Im politischen Dauer-Alarmismus wird Zeit selbst zur Schwäche erklärt. Wer prüft, erscheint als zögerlich; wer schließt, als handlungsfähig.
- Bindungskraft von Standards: Verfahrensfaktizität lebt davon, dass Standards überhaupt noch als Maßstab gelten – in Medien, Gerichten, Kontrolle. Wo diese Instanzen systematisch delegitimiert oder ökonomisch ausgehöhlt werden, sinkt die soziale Tragfähigkeit des Prozeduralen.
- Verbindlichkeit: Verfahren sind nur dann mehr als Kulisse, wenn sie Konsequenzen haben können – wenn Täuschung, Aktenverschwinden, Kompetenzüberschreitung nicht folgenlos bleiben. Wo Sicherheitsapparate faktisch als eigene Rechtsquelle auftreten, wird die Prüfpflicht zum Ritual, das man sprachlich zitiert und praktisch ignoriert.
Wenn diese Formbedingungen erodieren, wird Autoritätsfaktizität nicht einfach „eine Option“. Sie drängt sich als Schließungstechnik auf. Und das ist die Asymmetrie, die man festhalten muss: Autoritätsfaktizität ist keine alternative Epistemologie, die neben der Verfahrensform gleichberechtigt steht. Sie lebt davon, dass die Verfahrensform noch als Legitimitätswährung zirkuliert – und sie zerstört diese Währung, indem sie ihre Sprache zur Maske macht.
Sicherheitsstaat als Werkstatt der Beglaubigung
Nirgendwo zeigt sich dieser Umschlag so deutlich wie im Sicherheitsstaat. Dort war Verfahrensfaktizität immer schon ambivalent: Prozeduren banden Gewalt an Regeln und machten sie gerade dadurch gesellschaftlich anschlussfähig. Wenn die formale Bindung schwächer wird oder als hinderlich gilt, liegt die Entformalisierung nahe. Dann handelt der Apparat und liefert die Deutung gleich mit. Der „Fakt“ ist nicht mehr etwas, das die Gewalt begrenzen könnte, sondern etwas, das sie nachträglich absichert – samt moralischer Rollenvergabe.
Das erklärt, warum Autoritätsfaktizität nicht nur behauptet, sondern auch moralisch kodiert: Opfer/Täter-Unterscheidungen, Bedrohungsbehauptungen, Loyalitätsprüfungen. Wer nach Gründen fragt, wird als parteiisch markiert. Kritik wird nicht als Nachfrage nach Prüfung behandelt, sondern als Angriff auf die Instanz, die „zuständig“ ist. Verfahrensfaktizität wird so nicht widerlegt, sondern politisch delegitimiert: Wer darauf besteht, wird als illoyal gerahmt.
Und hier liegt eine zweite Gefahr: Wenn man die Auseinandersetzung nur noch als Kampf der Narrative begreift, akzeptiert man bereits den Lagerrahmen, in dem Verfahren nicht mehr zählen. Dann wird „Wahrheit“ zu einer Frage der Kommunikationsmacht, nicht der Prüfpflicht. Genau das ist die formale Niederlage, die Autoritätsfaktizität anstrebt: den Wechsel vom Streit über Gründe zum Streit über Zugehörigkeit.
Beglaubigte Wirklichkeit
Der Begriff „postfaktisch“ suggeriert, Fakten seien verschwunden. Häufig ist das Gegenteil der Fall: Material ist vorhanden, aber sein Geltungsmodus kippt. Die „neue Wahrheit“ ist nicht die offene Lüge. Sie ist die Behauptung, Wahrheit sei eine Zuständigkeitsfrage – und Zuständigkeit entscheide, was als Fakt gilt.
Das heißt nicht, man müsse Verfahrensfaktizität idealisieren oder nostalgisch verteidigen. Verfahren gehören zur widersprüchlichen Form moderner Gesellschaft: Sie können Gewalt legitimieren, Ungleichheit formal verdecken, Herrschaft stabilisieren. Aber sie erzwingen immerhin eine Formgrenze: Gründe müssen vorgelegt, Widerspruch organisiert, Rechtfertigung eingefordert werden. Autoritätsfaktizität verschiebt diese Grenze. Sie macht die Form zur Maske und die Zuständigkeit zur Wahrheit.
„Die Fakten werden ans Licht kommen“ ist in diesem Sinn kein beruhigender Satz. Er ist das Geräusch einer Schließung: Wirklichkeit wird nicht ermittelt, sondern beglaubigt – und genau das ist der Ton, der den autoritären Vormarsch begleitet.
