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Mit Kriegsrhetorik zum Infektionsschutz

In einem Videoclip wirbt die Bundesregierung dafür, zuhause zu bleiben, um die Infektionszahlen zu senken. Jetzt aber wirklich! Und greift dazu in die Kriegsrhetorik-Kiste. Ist das die Sprache, die man derzeit bemühen sollte?

Wie wir wohl in 50 Jahren auf das Corona-Jahr zurückblicken? Viele werden sich diese Frage schon gestellt haben, in dem Bewusstsein, dass wir derzeit im Ausnahmezustand leben. Die Bundesregierung beantwortet diese Frage auf eigene Weise:

„Opa erzählt vom Krieg“ – das ist die Perspektive. Wer seine eigenen Großeltern einmal vom Krieg hat berichten hören, dem oder der werden diese Schilderungen reichlich albern vorkommen. So aber darf sich der 22-jährige Anton aus Chemnitz fühlen: „Im Einsatz“ für’s Vaterland mit der Fernbedienung in der Hand als Waffe gegen das Virus. „Unsere Couch war die Front!“ Binge Watching als Mobilmachung, das Wohnzimmer als Schützengraben.

Da liegt „das Schicksal unseres Landes in unseren Händen.“ Und der jugendliche Student aus Ostdeutschland muss lediglich „gar nichts“ tun, um seine Vaterlandsliebe zu beweisen (anstatt sich z.B. in Leipzig bei Querdenker-Demonstrationen zu behaupten.)

Bislang wurden die Menschen beklatscht und als Helden des Alltags bezeichnet, die in der Pflege, in der Betreuung, im Gesundheitswesen und anderen (oft prekären) Bereichen ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten. Hier konnte man den Heldenbegriff schon als bloße rhetorische Aufwertung begreifen, denn eine echte finanzielle Wertschätzung wird diesen Menschen immer noch verwehrt. In den Tarifverhandlungen im Sommer brach das Verständnis angesichts drohender Warnstreiks schließlich vielerorts weg.
Und nun führt die Bundesregierung den Heldenbegriff wieder dorthin zurück, wo er seine unhinterfragte Anerkennung genießt.

Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt, an dem planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind. Ziel der beteiligten Kollektive ist es, ihre Interessen durchzusetzen. Der Konflikt soll durch Kampf und Erreichen einer Überlegenheit gelöst werden. Die dazu stattfindenden Gewalthandlungen greifen gezielt die körperliche Unversehrtheit gegnerischer Individuen an und führen so zu Tod und Verletzung.

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Das klingt bei näherer Betrachtung nicht nach dem Stoff, aus dem Helden gemacht sind. Egal! Wem die Rolle als Couch-Potato missfällt, wird sich nun ermutigt fühlen, im Zweifel zu den Waffen zu greifen und für das vermeintliche deutsche Interesse zu kämpfen. Viele Betriebe, die unter den einschränkenden Maßnahmen in eine finanzielle Notlage geraten, werden die Vorgaben tatsächlich als Angriff auf ihre wirtschaftliche Existenz verstehen können. Wenn wir der Kriegsmetaphorik treu bleiben wollen, können wir von einer Frontverschiebung sprechen: Sie verläuft nicht zwischen Gesellschaft und Virus, sondern zwischen den Menschen innerhalb der Gesellschaft selbst.

Statt einer Kriegsrhetorik würde die Bundesregierung gut daran tun, eine Sprache des Miteinander starkzumachen. Zusammenhalten, um die anstehenden Monate voller Entbehrungen durchzustehen. Gerade kein social distancing, sondern vielmehr spatial (räumliches) distancing. Gerade keine mit nationalem Pathos aufgeblasenen Alleingänge, sondern gemeinsame Anstrengungen auch zwischen den Staaten.

Nun kann man die Bundesregierung in Schutz nehmen, denn sie ist kein Gremium, das absichtlich die eigene Bevölkerung aufzustacheln gedenkt. Vielmehr sollte man sich die Frage stellen, was es über die Gesellschaft sagt, deren Regierung mit einer solchen Rhetorik Anklang findet.

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