Ein kapitalistisch geschaffenes Virus?

In Berichten über die Herkunft des Coronavirus SARS-CoV-2 wird gerne und oft auf dessen Ursprung in einem chinesischen Wildfleischmarkt verwiesen. Schuld, soll diese Geste bedeuten, seien mal wieder die anderen. Die Ursache der Pandemie, die noch ein Jahr nach ihrem Ausbruch unseren Alltag dominiert, liege in den mangelhaften und barbarischen Nahrungsgewohnheiten primitiver Gesellschaften. Dergleichen konnten wir bereits bei der Entstehung der Vogelgrippe erleben (die auf dörfliche Kleinbäuer*innen in Südostasien zurückgeführt werden konnte) oder bei dem Eboloa-Virus (das auf Bushmeat in Kongo zurückgeführt wurde).
Wenn wir die Ideologie beiseite schieben und uns statt auf den Ort des unmittelbaren Ausbruchs auf die sozio-ökonomische Begleitmusik konzentrieren, sieht die Sache gleich ganz anders aus. So schreibt der US-amerikanische Virologe Rob Wallace in einem Essay über die gesellschaftlichen Ursachen von Pandemien:

Die Beziehungen zwischen wirtschaftlichen Akteuren prägen das Krankheitsgeschehen, was aber nicht sichtbar wird, wenn wir nur die Zonen in den Blick nehmen, in denen es zu einer Epidemie kommt. Die Verantwortung wird dann gerne den indigenen Bevölkerungen zugeschoben. Aber die wirtschaftliche Entwicklung und die industrielle Produktion verändern die Landnutzung (und zwar im Interesse des Kapitals) und damit auch das Krankheitsgeschehen. Die Zubereitung von bushmeat und Bestattungen im eigenen Haus sind zwei der Praktiken, die für das Entstehen neuer Praktiken verantwortlich gemacht werden. Würden wir aber eine relationale statt eine absolute Geographie benutzen – das heißt: auf der Karte statt festen Punkten Beziehungen abtragen wie beispielsweise die Waren-, Geld- und Migrationsströme –, dann wären auf einmal New York, London oder Hongkong die schlimmsten Krankheitsherde.

Rob Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat, S. 33

Insofern ist das Corona-Virus das Produkt der modernen, kapitalistischen Gesellschaft. Die sachliche Herrschaft des Kapitals treibt die im Agrobusiness beheimateten Unternehmen in immer neue Geschäftsfelder. Auf diese Weise entstehen in der kapitalistischen Peripherie Soja- und Palmölplantagen von enormen Ausmaßen. Die bisherige Bevölkerung wandert aus den nunmehr für die unmittelbare kapitalistische Reproduktion erschlossenen Gebieten zumeist aber nicht direkt in die urbanen Metropolen, sondern in rasch wachsende Kleinstädte. Deren bislang lokale Märkte verwandeln sich in „regionale Umschlagplätze für global gehandelte Agrarrohstoffe“ (S. 34). Die damit einhergehende Transformation des bislang ländlichen Raumes verändert dann die lokalen Ökosysteme. Viele bei Wildtieren vorhandene Krankheitserreger befallen eine kleine Gruppe von Wirtstieren, die kaum über einen bestimmten Radius hinauskommen und, sofern sie überleben, gar nicht die Möglichkeit bekommen, auf andere Wirte überzuspringen. Selbst wenn sie die Menschen erreichten, konnte sich die Krankheit kaum über lokale Zusammenhänge hinaus ausbreiten. Die Veränderungen der sozial-ökonomischen und ökologischen Verhältnisse wirken sich dann auf die Infektketten aus:

Allein durch die Veränderung des ökologischen Zusammenhangs haben sich alte Bekannte wie Ebola, Zika, Malaria und Gelbfieber, die sich früher vergleichsweise wenig weiterentwickelten, schlagartig in regionale Bedrohungen verwandelt. Früher steckten sie von Zeit zu Zeit einen Bewohner in einem abgelegenen Dorf an, heute infizieren sie Tausende in Hauptstädten. Sozusagen in die umgekehrte Richtung entwickelt sich die Pathogenität bei manchen Wildtieren. Selbst Arten, die diesen Krankheiten als langfristige Reservoirwirte dienten und nicht oder kaum von ihnen beeinträchtigt wurden, werden dezimiert. Neuweltaffen etwa waren mindestens hundert Jahre Lang Gelbfieber ausgesetzt. Nun werden ihre Populationen durch die Entwaldung zersplittert, sie verlieren ihre Herdenimmunität und sterben zu Tausenden.

Rob Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat, S. 35

Diese Tendenz wird durch die zunehmende Spezialisierung der Arten im Rahmen der Massentierhaltung nicht gerade kleiner. Moderne Hühnchen mögen mehr Fleisch am Körper tragen oder größere Eier legen, als traditionelle Rassen dies tun. Aber sie sind mit Sicherheit nicht resistenter gegen Keime und Bakterien. Das dann auch noch viele dieser Tiere auf engem Raum zusammengepfercht werden um die Kosten der Fleischproduktion zu minimieren, tut sein übriges. Alles in allem macht die moderne Massentierhaltung Zoonosen deutlich wahrscheinlicher als sie noch vor einigen Jahrzehnten waren (und das, obwohl es bereits da zumindest in den Metropolen eine weitgehend industrialisierte Landwirtschaft gab):

Genetische Monokulturen – Schlachtvieh und Pflanzen mit nahezu identischem Erbmaterial – beseitigen die Brandschneisen gegen Epidemien durch die Immunreaktionen, die in vielfältigeren Populationen Übertragungen verlangsamen. Gleichzeitig schwächt die beengende Haltung die Immunreaktion. Größere Populationen und größere Dichte führen zu höheren Übertragungsraten.

Rob Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat, S. 36

Bereits bei der Entstehung von Viren wie SARS-CoV-2 spielen die Mechanismen eine Rolle, die für die Logik der modernen Gesellschaft zentral sind. Die Sozialphilosophin Eva von Redecker bezeichnet sie als „Sachliche Herrschaft“ und „Sachherrschaft. Unter „Sachlicher Herrschaft“ versteht sie dabei den Drang des Kapitals, als Selbstzweckbewegung (aus einem Euro zwei machen) aufzutreten und die ganze Welt diesem Drang zu unterwerfen. Unter „Sachherrschaft“ versteht sie demgegenüber die Tendenz, die uns umgebende Welt (das gilt für stofflich-sachliche Dinge wie Waren, aber auch für die Natur selbst und partiell auch für Menschen) als „Sache“ wahrzunehmen, d.h. heißt Ding, über das wir eine allumfassende Verfügung (bis hin zu ihrer Zerstörung) ausüben dürfen.
Die globalen Anforderungen der sachlichen Herrschaft und die kompromisslose Sachherrschaft über die Natur finden wir aber nicht nur in der Entstehungsgeschichte des Virus. Die Verdopplung des Ursachenzusammenhanges (Sachliche Herrschaft und Sachherrschaft) können wir auch für den Umgang mit den Folgen des Virus festhalten. Einerseits hat die Politik auf die ökonomischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte mit einem krankschrumpfen des Gesundheitssektors reagiert. Als Reaktion auf schrumpfende Gewinnmargen (Sachliche Herrschaft) wurden vermeintlich überflüssige Kapazitäten abgebaut. Gesundheit selber wurde nun als zu bewirtschaftender Markt angesehen, der die Profite erhöhen und die toten Kosten senken sollen. Bei der Art, wie diese Folgen der sachlichen Herrschaft des Kapitals dann exekutiert werden, macht sich wieder einmal die Sachherrschaft, d.h der eigentumsförmige Zugriff auf Menschen(leben) bemerkbar: im Zweifel sind es nicht irgendwelche Menschen, sondern die Leute am unteren Ende der sozialen Hierarchie, deren Leben durch die Pandemie besonders gefährdet ist. In den USA etwa wurde schon früh klar, dass sich die Todesrate von Covid-19-Toten mit der ethnischen Herkunft der Erkrankten korreliert. „Landesweit betrachtet ist es für schwarze und hispanische Amerikaner dreimal so wahrscheinlich, sich mit Corona zu infizieren, wie für ihre weißen Nachbarn.“1
Die soziale Hierarchie spiegelt sich auch im Umgang mit Risikogruppen in Deutschland. Für Obdachlose ist es beispielsweise im Rahmen des „Social Distancing“ besonders schwierig, zu Hause zu bleiben. Ohne Wohnung ist es halt nicht so einfach, das Haus nicht zu verlassen. Während gleichzeitig massenhaft Hotels aufgrund des Shutdowns leerstanden, ergab sich so ein paradoxer doppelter Effekt der Sachherrschaft: die Eigentümer*innen der Hotelzimmer konnten auf ihre Sachherrschaft verweisen und so umstandslos eine Nutzung der leer stehenden Zimmer für gefährdete Menschen verhindern. Gleichzeitig machte die Ignoranz gegenüber den Betroffenen deutlich, was Sachherrschaft über Menschen potentiell bedeutet: wer nicht dazuzählt, wird auch nicht in gesamtgesellschaftliche Problemlösungsversuche einbezogen.2
Auch in Bezug auf Migrant*innen war der Effekt ein ganz ähnlicher. Während von der deutschen Wohnbevölkerung eine Vereinzelung verlangt wurde, wurden Migrant*innen zu Zehntausenden in Lagern kaserniert.


1 Diese Tendenz spiegelt sich in den Gefangenenzahlen der us-amerikanischen Gefängnisse. Während Schwarze zwar nach dem Ende der Sklaverei formal aus dem Status der Sachherrschaft entlassen worden sind, bleiben sie praktisch Phantombesitz: „Derzeit sind in den USA mehr schwarze Männer im Gefängnis als bei Ausbruch des Bürgerkriegs verklavt waren, und sie berichten in den häufig privat betriebenen Haftanstalten Zwangsarbeit für bekannte Unternehmen. Die Grenze zwischen Freiheits- und Lebensberaubung löst sich im Zuge der Covid-19-Pandemie weiter auf, weil die überfüllten Gefängnisse zu gefährlichen Infektionsherden werden.“ (Eva von Redecker: Revolution für das Leben, S. 162)
2 Diese Argumentation finden wir auch bei Ernst Lohoff: Ein Virus stellt die Systemfrage, S. 22 in dem Buch „Shutdown“ zur Klima- und Corona-Krise.

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