Kartelle

Die Macht der Kartelle

Bereits seit vielen Jahren wird über die Verschmelzung von Staat und organisierter Kriminalität in Mexiko berichtet (1|2). Die aktuelle Dimension dieser Entwicklung zeigt Timo Dorsch in seinem im Mandelbaum-Verlag erschienenen Buch „Nekropolitik – Neoliberalismus, Staat und organisiertes Verbrechen in Mexiko“. Dorsch, selbst ein Politikwissenschaftler und Humangeograf, der viel Zeit in Mexiko verbracht hat, berichtet von täglichen Morden und einem aktiven Krieg von Staat und Kartellen gegen die Zivilbevölkerung. Eine lesenswerte Besprechung des Buches findet sich hier. Es gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Macht der Kartelle vor Ort.

Tatsächlich ist der Prozess der Verschmelzung von Kartellen mit den staatlichen Institutionen und der politischen Sphäre in Mexiko sehr umfassend und weit fortgeschritten. Sie ist durchaus vergleichbar mit der Mafia in einigen Stammregionen Italiens (etwa Kalabrien). Allerdings sind das Ausmaß der Gewalt und die Skrupellosigkeit in Mexiko stärker ausgeprägt. Es ist in manchen Aspekten mit dem IS vergleichbar.

Der Grad der Macht der Mafias und deren Handlungsweisen sind dabei ausgesprochen länderspezifisch. In Kolumbien agiert die Mafia anders als in Mexiko oder Peru oder Guatemala. Einheitlich sind die skrupellose Gewalt und der Versuch, Einfluss auf den Staat zu bekommen. Die Kartelle sind der fortgeschrittenste Ausdruck der modernen Barbarei, obwohl ihre Ursprünge nicht in der globalen Politik liegen. Sie sind vielmehr in der lokalen Kleinproduktion von Rauschmitteln und kleinen lokalen Banden für die Vermarktung verortet.

Gewalt war immer im Spiel, aber sie wird von den staatlichen Institutionen seit der Kolonialzeit gegen die ärmeren Schichten und insbesondere gegen Indigene ausgeübt. Insofern ist Gewalt ein alltägliches traditionelles Phänomen. Mittlerweile haben sich die Kartelle von ihrer lokalen Verankerung abgelöst und die zweckmäßige Verbundenheit ist der puren Gewalt gewichen. Kartelle sind Besatzer und einer der Hauptgründe für die millionenfache Landflucht und Auswanderung.

Um die Verankerung in den Regionen zu verbessern, ergänzen die Kartelle ihre Praktiken bisweilen um eine klassische „Brot & Spiele“-Politik. So verteilte einer von Mexikos bekanntesten Drogenclans während der Corona-Krise Pakete mit Nahrungsmitteln in der Bevölkerung. Diese wurden in der Presse als „Chapo-Fresspaket“ bezeichnet, benannt nach der Modemarke El Chapo, die ebenfalls von dem angehängten Konzern vertrieben wird.

Die Verteilung von „Fresspaketen“ im Stil von Hilfsorganisationen ist deutlicher Ausdruck vom Rückgang des Rückhalts in den Anbau- und Herstellungsgebieten. Insgesamt ist die Verankerung in der Bevölkerung von Land zu Land und Regionen innerhalb der Länder sehr unterschiedlich. Nicht überall wird die Gewalt derart hemmungslos wie in Mexiko ausgelebt. In Kolumbien spielen die rechten Todesschwadronen eine große Rolle, die aber nicht zu Mafias gehören. Der Drogenhandel läuft über Kartelle, Armee und teilweise sogar über linke Guerilla.

Einige Prozesse laufen parallel: der Aufstieg und die Ausdehnung der Kartelle, die Kleinkriminalität, das Kleinbandenwesen und die Bildung großer Gangs wie die Maras in den Städten und deren Randbezirken. Gemeinsam ist ihnen allen die ausgeprägte Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Leben und eine hemmungslose Genusssucht, unmittelbar befriedigt durch Geld und/oder rohe Gewalt.

Der Prozess ist im Wesentlichen auch ein Krieg gegen Mädchen und Frauen, die als Objekte der Begierde von Männern am häufigsten der Gewalt ausgesetzt sind. Und es ist ebenso ein Krieg gegen Kinder, die für die jeweiligen Zwecke der Kartelle, Banden und anderer Profiteure ohne jegliche Skrupel benutzt werden.

Auch medial sind diese Zusammenhänge zunehmend Thema. Wer sich bei einer Apfelschorle dem Thema annähernd möchte, den seien dazu die Netflixserien El Chapo und Narcos empfohlen. Sie sind bisweilen schwer zu verdauen und nur in Häppchen genießbar. Und doch zeigen sie gut recherchiert und realistisch die Biopolitik von Regierung und Narcos (die spanische Kurzform für die Drogenhändler) und das Verschmelzen zu einem gigantischen Netzwerk der Korruption bis hoch zu etlichen Präsidenten Lateinamerikas.

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