Lithiumabbau in der Atacama-Wüste in Chile. Quelle: Wikimedia

Technik als Religion

Mit Steve Jobs Präsentation des iPhones im Jahre 2007 entstand eine neue Religion: die Religion des Silicon Valley. Sie konnte sich zusammen mit Nationalismus, Verschwörungsideologien und Esoterik in die Riege der modernen Religionen einreihen. In dieser Religion, die immer mehr Propheten und Missionare zu uns herabsendet, wird für ein höheres Ziel gearbeitet: Die Weltrettung. Die Prediger versprechen Innovationen, lockere Start-Up Atmosphäre und Spaß auf der Arbeit. Nicht zuletzt wird eine abstrakte Technik angebetet, die alle Probleme unserer Zeit lösen soll. Die Jünger der Elon-Musk-Sekte zeichnen sich vor allem durch Autoritäre Unterwürfigkeit und ekstatische Lobpreisung der Gaben des heiligen Elons aus. Resistent gegen jegliche Kritik und mit der inbrünstigen Überzeugung, dass die Dreifaltigkeit aus Vater Musk, seinem Sohn dem Elektroauto und dem heiligen Geist der »Technik« uns alle von unseren Umweltsünden befreien wird. Die Gruppenidentität wird dabei aufrechterhalten, indem man alle Kritiker als neidische und vor allem nichts-tuende Nörgler abtut.

Gerade bei Elon Musk, der gerade eine E-Autofabrik in Brandenburg bauen lässt, nehmen diese Züge erschreckende Ausmaße an, man schaue sich nur in diversen Internet-Foren um. Es bleibt die Frage, ob dieser Hype um Musk und seine scheinbaren Lösungen gerechtfertigt ist. Vor allem bei seinem momentan wichtigsten Projekt, dem Bauen von Elektroautos, kann das mit guten Gründen bezweifelt werden. Können E-Autos helfen den Klimawandel zu stoppen und sind sie eine Alternative für die Zukunft?

Vor allem bei größeren Modellen, wie dem Tesla Model S, ist zu bezweifeln, dass eine bemerkbare Reduzierung der Belastung der Umwelt zu erkennen ist. So schreibt das „Öko-Institut“, dass die Einsparungen gegenüber einem Verbrenner: „…bei großen Fahrzeugen mit den üblicherweise angebotenen sehr großen Batteriekapazitäten und Reichweiten von 300 bis 400 Kilometern nur rund zehn Prozent sind“. Hinzu kommt, dass Elektroautos einen riesigen „ökologischen Rucksack“ besitzen. Für die Produktion der Batterien benötigt es diverse Metalle und Mineralien wie Kobalt, Lithium, Graphit oder Mangan. Der Abbau dieser Rohstoffe hat tiefgreifende Folgen für die Umwelt und ihre Bevölkerung (Bspw. Chile), sie werden in politisch instabilen Regionen (bspw. Kongo) und meist unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut.

Aufgrund des „ökologischen Rucksacks“, ist das Tesla Model S unter bestimmten Bedingungen sogar schmutziger als ein Kleinwagen mit Verbrennungsmotor und muss laut einer Studie aus Schweden ca. acht Jahre lang gefahren werden bis es sich ökologisch rechnet. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass der Strommix aus der Steckdose auch 100% ökologisch ist. Ganz im Gegenteil, durch den Bedarf an deutlich mehr Strom im Zuge der Elektro-Motorisierung werden die Ziele, Strom komplett aus erneuerbaren Energien zu produzieren und insgesamt weniger Strom zu nutzen, konterkariert. Es wird zwangsläufig wieder auf Kohlekraft oder Atomkraft zurückgegriffen werden müssen. Verkehrsexperte Winfried Wolf fasst zusammen:

„Die reine CO2-Bilanz eines E-Pkw ist im Vergleich zu einem Benzin- oder Diesel-Pkw maximal um ein Viertel günstiger – wenn der gesamte Lebenszyklus des Autos betrachtet wird. E-Autos sind aber zum großen Teil Stadtautos und Zweit- und Drittwagen. Alle praktischen Untersuchungen beispielsweise in Norwegen, aber auch in Deutschland zeigen dies; auch technische Aspekte wie Reichweite, Ladedauer und Ladestrukturen sprechen für diese Verwendung der Fahrzeuge. E-Autos sind damit auf absehbare Zeit Mobilitätsmittel für den gehobenen Mittelstand, für Leute, in deren Haushalt es einen Zweit- und Dritt-Pkw gibt und die über eine Garage oder Carport mit Wallbox verfügen. Damit sind E-Pkw ein neuer Beitrag, um die Pkw-Dichte weiter zu erhöhen und dies ausgerechnet dort, wo Pkw besonders schädlich sind: in den Städten. Zugleich tauscht eine Autoindustrie, die primär auf E-Autos setzt, die Abhängigkeit von dem endlichen Rohstoff Öl gegen eine Abhängigkeit von den endlichen Rohstoffen Kupfer und Nickel, die für E-Autos in deutlich größeren Mengen abgebaut werden müssen, und den endlichen Ressourcen Lithium, Kobalt und allgemein seltene Erden, die teilweise neu gefördert und abgebaut werden müssen.“

Winfried Wolf

Elons Jünger werden nun vermutlich sagen, dass Musk seine Autos in Zukunft billiger verkaufen wird. Doch auch hier bleibt die Frage, ob das denn eine gute Sache ist. Tatsächlich ist Tesla gerade dabei eine neue Fertigungsmethode zu nutzen. Die Karosserie soll von 70 auf vier Teile reduziert werden, was zwangsläufig zu einem produktiveren Ausstoß von Autos führt. Darüber hinaus fällt das komplizierte Getriebe des Verbrennungsmotors inklusive Kupplung und Pedalmechanik weg. Technikbegeisterte werden jetzt jubeln und den Fortschritt preisen: „CO2 neutrale“ Mobilität für alle!“

Im Kapitalismus wird gewonnene Zeit leider nicht für Freizeit genutzt, sondern zum Produzieren von noch mehr Waren. Das heißt vor allem: Mehr stofflicher Ausstoß von Autos. Somit hat die Produktivitätssteigerung, auf den ersten (kapitalistischen) Blick etwas positives, denn sie ermöglicht die Herstellung zusätzlicher Autos und damit die Produktion von mehr Umsatz und höheren Gewinnen. Doch genau hier liegt das Problem: Unsere mit Autos gesättigten Städte werden bis zum Platzen weiter gefüttert und das in einer Phase, in der eigentlich ein (wenn auch zaghaftes) Umdenken in der Stadtplanung stattfindet.

Doch Musk wäre nicht Musk hätte er nicht schon eine geniale Idee, um das Stau-Problem zu lösen: Tunnel. Das Projekt „The Loop“, möchte das Problem der Automassen durch viele kleine Tunnel unter der Stadt umgehen. Der Youtuber „donoteat01“ zeigt jedoch in einem 40-minütigen Video wie undurchdacht und unnötig das ganze Projekt ist. Hinter dem Loop-Projekt steht der Irrglaube mit einer (vermeintlich) einfachen Technik, ohne jeglichen Bezug auf den Kontext oder die Umwelt, eine Schneise des Fortschritts durch die Masse der Nein-Sager und Bürokraten schlagen zu können. In einer Simpsons-Folge (Staffel 11/Episode 1) fährt Familienvater Homer mit einem Elektroauto über einen Steg auf das Meer zu. Seine Tochter Lisa möchte ihn vor dem Wasser warnen, doch Homer fährt stur weiter. Die Begründung: „Nur die Ruhe, wir sitzen in `nem Elektroauto.“ Ein Sinnbild für die Technik-Ideologie des Silicon Valley.

Wir sollten uns von der Vorstellung einer »neutralen« und metaphysische »Technik« verabschieden. Denn es kommt immer auf den Kontext drauf an, in dem sie auf eine bestimmte Art angewendet wird. Die Soziologen Oliver Nachtwey und Timo Seidl bezeichnen dieses Phänomen als „Solutionismus“. Damit meinen sie die Vorstellung, dass komplexe politische und gesellschaftliche Probleme durch einfache technische Eingriffe gelöst werden können. Eine Lösung, die nicht nur von einem unproblematischen (weil ungesellschaftlichen) Technik-Verständnis ausgeht, sondern auch unter demokratischer Perspektive problematisch ist. Denn hier fällt selbstverständlich auch jede demokratische Diskussion weg. Denn: Die Technik™ hat in diesem mechanistischen Weltbild immer recht:

„Das solutionistische Misstrauen gegenüber dem Politischen im Besonderen und dem Institutionellen im Allgemeinen geht zurück auf eine eigenartige Mischung aus Libertarismus und Technikdeterminismus, die als »kalifornische Ideologie« bekannt geworden ist. Der Solutionismus ist in wichtigen Teilen ein Produkt dieses wahlverwandten Zusammenkommens von gegenkulturellem Hipstertum und militärisch-industrieller Forschungskultur, von Entfaltungsidealismus und Technologiegläubigkeit. Der solutionistische Imperativ »Weltverbessere oder Stirb« hat hier seine Wurzeln. Er ist das Resultat der Transformation des gegenkulturellen Idealismus in einen cyberkulturellen Missionismus: Die Welt ist voller »Bugs«, und es ist die Mission jeder Solutionistin, diese nach und nach zu »fixen«.“

Oliver Nachtwey und Timo Seidl

Dabei gibt es schon seit über hundert Jahren einen überaus kostengünstigen und sauberen fix: Der öffentliche Nahverkehr (inklusive Tunnel!). Straßenbahn, U-Bahn und (Oberleitungs-) Busse haben zwei Vorteile: Sie umgehen das Problem der Energiespeicherung und können deutlich mehr Personen gleichzeitig transportieren. Doch nur wenn diese Technologie wirklich umfassend ausgebaut und günstiger oder sogar umsonst (was aktuell in Luxemburg getestet wird) genutzt werden kann, wird sie auch ihre volle Wirkung entfalten. Es müssten außerdem Lösungen für Frachttransporte gefunden werden. Nur dann hätte auch das Elektroauto punktuell einen Sinn. Davon sind wir jedoch weit entfernt. Verkehrsforscher Helmut Holzapfel dazu:

„Sprit ist in den letzten Jahren deutlich weniger im Preis gestiegen als Fahrkarten für Bus und Bahn, es gibt heute 20 Prozent weniger Schienen, aber 18 Prozent mehr Autobahnen als anno 1995 und einen Bundesverkehrswegeplan, der den Straßenbau bis 2030 weiter intensiv fördert. Da ist kein Umsteuern sichtbar.“

Helmut Holzapfel

Halten wir also fest: Musk ist mitnichten eine funkelnde abstrakte Heldenfigur, die uns vom Himmel gesandt wurde. Er ist vielmehr Ausdruck einer auch andernorts zu beobachtenden Entwicklung privater Wohltäter. Und die ist nicht zuletzt ein Symptom der Verschiebung von ehemals staatlich betreuter Aufgaben, die nun von NGOs übernommen werden. Unter neoliberaler Regie fährt der Staat nun aber viele Investitionen zurück, da nicht genug Geld da ist oder sich nicht genug Rendite abzeichnet. Aus diesem Grund übernehmen Private Personen bzw. Organisationen (oft gefördert durch staatliche Subventionen) solche Aufgaben. Ganz ähnlich wiederfuhr es der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der WHO übernehmen Bill Gates und andere durch Spenden die Rolle der immer passiveren Nationalstaaten. Und auch Weltraumprojekte, früher in staatlicher Hand, werden heutzutage immer mehr von privaten Unternehmen übernommen. Hier zeigt sich ein gefundenes Fressen für Verschwörungsmythen, welche sich, ebenso wie der Liberalismus, ein autonomes Subjekt wahlweise an der Spitze der „Weltregierung“ oder eben einem Unternehmen, imaginieren.

Eine Folge dieser liberalen Ideologie ist die Entstehung eines neuen Personenkults: Der Annahme, eine einzige Person, frei von äußeren Zwängen, als vollkommen autonomes Subjekt nehme die Geschichte in die eigenen Hände. Musk spricht damit eine für das kapitalistische Subjekt typische Sehnsucht nach Selbstermächtigung in einer Welt voller abstrakter, äußerer Zwänge an. Im Fall von Musk geht dies praktischerweise mit einer protestantischen Arbeitsethik einher die ihresgleichen sucht. So rechtfertigte Musk seine 80 Stundenwoche einmal damit, dass niemand die Welt jemals mit einer 40 Stundenwoche verändert hätte. Mit der gleichen Begründung verweigert er einem Kollegen auch schon mal den Urlaub. Gar kein Problem, wenn man per du mit den Mitarbeiter*innen in einem so coolen Unternehmen arbeitet. Tesla ist einfach ein Unternehmen der ganz anderen Sorte. In der neuen Fabrik in Brandenburg soll bspw. eine „Rave-Höhle“ entstehen. Wahnsinn! Und, LOL, das neueste Modell wird 69.420 Dollar kosten, 69, weil Sexstellung, hihi, und 420 als Codewort fürs Kiffen. Dieser infantile und hedonistische Humor überdeckt praktischerweise die gar nicht so witzige Entgrenzung der Arbeit, welche auf die Mitarbeiter eines Unternehmens mit Start-Up-Attitüde zukommt.

An Musk zeigt sich auch eine Seite der Spaltung der Gesellschaft, welche der Soziologe Andreas Reckwitz als eine zwischen Hyperkultur und Kulturessentialismus beschreibt. Den Messias der ersten Gruppe verkörpert Musk in Reinform, während Trump als Heilsbringer der anderen Gruppe gelten könnte. Der eine spricht den/die junge/n, prekär lebende/n, Wissenschafts- und Technik begeisterte/n Startup Unternehmer/in mit „anything goes“ Mentalität an. Und der Andere findet bei der absteigenden Mittelschicht, den Verlierer*innen des Post-fordismus aus dem Rust-Belt Anklang. Musk und Trump bieten für die jeweilige Seite einfache und vor allem sichtbare »Lösungen«: wie „Build the Wall!“ auf der einen und „Arbeitplätze!“ oder „Umweltschutz mit Gaspedal!“ auf der anderen Seite an. Beide Angebote verzichten darauf, eine Lösung in der langfristigen Veränderung gesellschaftlicher Strukturen zu suchen, sondern bieten sie im hier und jetzt an.

Das schließt an die Tendenz einer immer auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich an. Ein Phänomen, welches vor allem in den USA erschreckende Ausmaße angenommen hat, jedoch auch in anderen Industrienationen zu beobachten ist. Während die einen kühn zum Mars schauen, verelenden die anderen in den ehemaligen Industriehochburgen. Klimawandel, steigende Ungleichheit, Rechtspopulismus: Vielleicht ist die Reise zum Mars, ein weiteres Projekt von Musk, auch eine Flucht vor der Realität. Die Hoffnung nach einer vernünftigen Gesellschaft auf einem anderen Planeten, auf dem dann wirklich alles besser gemacht wird.

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