New York Stock Exchange an der Wall Street. Bildquelle: Prexels

GameStop-Hype: Power to the Players?

Seit einigen Tagen beherrschen die Ereignisse rund um die Aktie des Computerspielehändlers GameStop die Wirtschaftsnachrichten. Die Kurse, so können wir allenthalben lesen, seien „manipuliert“ worden. Hier erfahren Sie, was passiert ist, welche Hintergründe dahinterstehen und was wir daraus lernen können.

Was ist passiert?

Zu einer der gängigen Finanzmarktstrategien von Hedgefonds gehören die auch als „Shorting“ bezeichneten Leerverkäufe. Anders als sonst üblich wird hierbei nicht etwa auf steigende, sondern auf fallende Aktienkurse gewettet. Das Geschäft sieht in etwa so aus: Eine Hedgefonds-Managerin leiht sich bei einem Anleger eine GameStop-Aktie gegen eine Leihgebühr, mit der Erwartung, dass deren Kurs in Zukunft sinken wird. Bedingung für den Verleih ist es, dass sie die Aktie zu einem festgelegten Termin wieder zurückgibt. Diese verkauft die Managerin nun an einen Käufer. Verläuft alles nach Plan, sinkt der Kurs und sie kann die Aktie zu einem geringeren Preis als dem Verkaufspreis zurückkaufen, sie fristgerecht an den ursprünglichen Besitzer zurückgeben und den Profit einstecken.

Nun kam aber eine Gruppe von Kleinanleger*innen, sogenannten Retail-Tradern, auf die Idee, den Hedgefonds das Geschäft zu vermiesen. Auf der Internet-Plattform „Reddit“ organisierten sie sich in dem einige Millionen Mitglieder umfassenden Unterforum „r/wallstreetbets“. Bewaffnet mit einfachen Broker-Apps, allen voran „Robinhood“, kauften sie gezielt Aktien oder die deutlich günstigeren Kaufoptionen. Dies trieb die Kurse der von Shorting betroffenen Unternehmen wie GameStop und AMC künstlich in die Höhe. In wenigen Wochen stieg der Börsenwert von GameStop so in ungeahnte Höhen. Die Hedgefonds waren aber nach wie vor an die Vereinbarung gebunden, die geliehenen und weiterverkauften Aktien zurückzugeben und mussten die nun überteuerten Aktien schnell aufkaufen, um noch höhere Verluste zu vermeiden.

Zu den am heftigsten betroffenen Hedgefonds gehörte „Melvin Capital“, welcher durch dieses sogenannte „Short-Squeezing“ über 3 Milliarden Dollar Verluste machte. Vor der Insolvenz gerettet wurde er von den Finanzdienstleistern „Point72“ und „Citadel LLC“, die Teile des Hedgefonds aufkauften. Hierbei ist letzterer besonders interessant. Schließlich ist Citadel der wichtigste Investitionspartner von Robinhood. Zu den Tochterfirmen von Citadel gehört nämlich unter anderem der Market Maker „Citadel Securities“. Dieser zahlt an die Broker-App sogenannte „Payments for order flow“. Dieses Verfahren geht auf den Ponzi-Scheme-Betrüger Bernard Madoff zurück, der sich seit 2008 in Haft befindet und für den Betrug an zahllosen Anleger*innen noch knapp 140 Jahre abzusitzen hat. Hierbei wird folgende Vereinbarung getroffen: Citadel Securities zahlt Robinhood Geld und erhält im Gegenzug Bündel zusammengefasster Privatkundenaufträge der App-Nutzer. Dadurch ist der Market Maker in der Lage, „Front-Running“ zu betreiben: Algorithmen kaufen nun mittels Hochfrequenzhandels die nachgefragten Aktien und verkaufen sie zu einem leicht erhöhten Preis an die App-Nutzer. Für deren Aktien-Käufe streicht Citadel Securities also Gebühren ein, worüber diese jedoch nicht ausreichend aufgeklärt werden.

In den Jahren 2017, 2019 und 2020 wurde Robinhood zu hohen Geldstrafen verurteilt, insgesamt fast 90 Millionen Dollar. Einerseits wegen der oben schon erwähnten Praxis unausgewiesener Payments for order flow und andererseits wegen Verletzung des „Best Execution“-Kriteriums. Letzteres verpflichtet Broker-Apps wie Robinhood eigentlich dazu, das bestmögliche Ergebnis bei der Orderausführung für den Kunden oder die Kundin zu schaffen. Dieses Jahr sieht sich Robinhood nun einer Sammelklage wütender Retail-Trader gegenüber, die dem Unternehmen sowie weiteren Broker-Apps Marktmanipulation vorwerfen, da sie den Kauf einer Reihe von betroffenen Aktien blockierten, was den Hedgefonds die Gelegenheit gab, sich neu zu sortieren. Und auch die US-Regierung, allen voran Finanzministerin Janet Yellen, verfolgen die Situation aufmerksam. Was die Konsequenzen sein werden, bleibt abzuwarten. Ein fundamentaler Richtungswechsel und eine starke Regulierung des Finanzmarkts erscheint unwahrscheinlich.

Warum das alles?

Die Motive für die Beteiligung am Short-Squeezing sind sehr unterschiedlich. Unter den Mitgliedern von r/wallstreetbets sehen es einige als persönlichen Rachefeldzug als Antwort auf unverantwortliche Spekulationen im Vorfeld der Finanzkrise von 2007/2008. Für andere der selbsternannten „Degenerierten“ ist es eher ein nihilistisches „wär doch irgendwie witzig“. Wieder andere witterten die Möglichkeit, mit der kollektiven Kursmanipulation schnelles Geld zu machen. Jedoch sind sich viele bewusst, dass sie aus der Nummer am Ende mit Verlust rausgehen. Solange sie damit ein paar Hedgefonds in den Ruin treiben können, scheint ihnen das aber relativ egal zu sein. So gibt es etwa auch Berichte von Forums-Mitgliedern, die ihre letzten Ersparnisse, Studienkredite und Rentenkonten plündern, um sie in weitere Kaufoptionen zu investieren. Wahrscheinlich ist aber auch, dass auch außerhalb des Forums kräftig mitinvestiert wurde.

So sicherte sich der Investor Ryan Cohen bereits Ende letzten Jahres 12,9% der Anteile von GameStop, mit der Aussicht, die sterbende Einzelhandelskette in ein erfolgreiches E-Commerce-Unternehmen umzuwandeln. Ein zusätzlicher Anstieg des Aktienkurses folgte auf einen Tweet von Elon Musk, in welchem er das Unterforum r/wallstreetbets verlinkte. Und auch die tatsächliche Wallstreet dürfte fleißig mitinvestiert haben. Denn von hoher Volatilität und einem ebenfalls erhöhten Handelsvolumen profitieren vor allem diejenigen, die auf hohe Gewinne durch kurzfristige und riskante Zockerei setzen.

So wollen auch die gängigen Narrative offensichtlich nicht hinhauen, die in Hinblick auf finanziellen Turbulenzen gestrickt werden. Das Unterforum r/wallstreetbets ist nicht das neue Occupy Wallstreet. Und auch Robinhood erinnert eher an einen korrupten Sheriff von Nottingham, der sein Geld durch zum Teil illegale Praktiken und Irreführung verdient, anstatt die proklamierte „Demokratisierung des Finanzwesens“ voranzutreiben. Einige Hedgefonds mögen bis zur drohenden Insolvenz getrieben worden sein, aber an die Stelle treten andere Hedgefonds, für die es eine Gelegenheit bietet, ihre Marktmacht zu erweitern. Zudem profitieren sowohl Citadel Securities aufgrund der zusätzlichen Payments for order flow, als auch weite Teile der restlichen Wallstreet durch die gesteigerte Aktivität auf den Finanzmärkten. Das Gewinner-Verlierer-Verhältnis wird auf der Seite der kleinen Fische von Reddit vermutlich eher spiegelverkehrt aussehen.

Was nehmen wir hieraus mit?

Nicht besonders viel, lautet die Antwort. Es ist eher ein Paradebeispiel für die Ohnmacht und Impotenz im Angesicht von oligopolistischer Marktmacht und asymmetrischer Information, als dass es einen Wegweiser für den organisierten Widerstand im 21. Jahrhundert darstellt. „Taxi Driver“, nicht „Robin Hood“. Aber es ist auch ein zugespitzter Ausdruck der Irrationalität großer Teile des Finanzsektors und könnte zum Denken anregen, über echte Demokratisierung, nicht nur des Finanzwesens, sondern auch der Realwirtschaft. Welche Funktionen sollten welche Institutionen und Mechanismen erfüllen und was davon brauchen wir überhaupt? Neben solchen wie der Unternehmensfinanzierung existieren mittlerweile enorm viele hochkomplizierte und möglichst undurchsichtige Finanzprodukte, durch die das Unwissen und die Naivität anderer ausgenutzt und in Profit umgewandelt wird.

Ab wann wird eine Marktmanipulation zum Verbrechen? Wenn sich Leute in Internetforen absprechen, um Kurse in die Höhe zu treiben oder wenn ein vergötterter Star-Entrepreneur die Investitionen seiner Twitter-Gefolgschaft in die ihm vorschwebenden Bahnen lenkt? Und warum werden milliardenschwere Investmentgesellschaften gerettet, nachdem sie durch ihre Zockerei ganze Länder in den Ruin getrieben haben? Wenn sie „systemrelevant“ sein sollen, warum stützen sich dann ganze Volkswirtschaften auf solche risikoaffinen Zocker? Und vor allem: wie muss eine Wirtschaft aussehen, die nicht etwa auf Konkurrenz und Abzocke basiert und zu fataler Instabilität und Krisenanfälligkeit neigt? Wie könnte eine rationalere Wirtschaftsordnung aussehen, die die Freiheit und den Wohlstand aller in den Vordergrund stellt? Das sind die eigentlichen Fragen, die sich aus diesem vorübergehenden Spektakel ergeben, welches nichts weiter ist, als ein symptomatischer Ausdruck einer zutiefst irrationalen Gesamtordnung.

2 Kommentare

  1. Hallo Samuel Küppers, danke für Deinen Artikel. Börsenfachbegriffe und -Vorgänge sind erhhellend und weitgehend gut erklärt. Im Einzelfall doch nachschlagen muss ich „Retail-Trader“ und „Payments for Order flow“. Neben der Würdigung habe ich auch Kritik. Am Schluss sprichts Du von einer zutiefs irratonalen Gesamtordnung. Ab dem Abschnitt: Was nehmen wir hieraus mit, stelltst Du Fragen, die sich für mich eher als kapitalimmanent anhören. Ich sehe da eine Inkohärenz. Freilich, ohne Interpretationspielraum keine kritische Erkenntnis. Ist letztere gewonnen, muss jener Spielraum nicht verschwinden. Ironisch-utopische Anmerkung: Wenn die Fähigkeiten des Personals im Finanzsektor dazu genutzt würden, überflüssige Tätigkeit abzuschaffen, müsste dieses Personal sich im Denken doch sehr umstellen, wenn die Absicht nicht mehr am Geld entlang realisiert wird.

    1. Hallo lieber Andreas,
      vielen Dank für Dein Feedback!
      Es ist richtig, dass sich einige der von mir aufgeworfenen Fragen „kapitalimmanent“ beantworten lassen.
      Inkohärent wäre das ja nur, wenn man von einer Alles-oder-nichts-Position ausginge.
      Letztendlich läuft eine Überwindung der „irrationalen Gesamtordnung“ aber natürlich auf einen Bruch mit den grundlegenden Prinzipien der Marktwirtschaft hinaus und das ist auch das, was ich mit der Abkehr von Konkurrenz und Profitmotiv und einer Orientierung zu gesamtgesellschaftlichem Wohlstand und Freiheit meine.
      Das ist bewusst sehr vage gehalten, schließlich ist das nochmal ein Thema für sich.
      Wenn meine Antwort an Deinem Kritikpunkt vorbeiging, kannst Du ja nochmal nachhaken.
      Lieben Gruß

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