Der Westenhellweg: zentrale Einkaufsstraße in der Dortmunder Innenstadt. (Oder doch die Sögestraße in Bremen?) Bildquelle: Wiki Commons

Geschäfte machen unsere Innenstädte kaputt!

Der Onlinehandel durfte sich im Weihnachtsgeschäft über einen Rekordumsatz freuen. Das ist unter anderem auf den Corona-Lockdown zurückzuführen. Doch die Tendenz zum Online-Shopping steigt schon seit Jahren. Genauso verlässlich ertönen die Klagen: „Unsere Innenstädte sterben aus!“ – Na und?

„Wir müssen die Geschäfte in der Umgebung unterstützen.“ Wahrscheinlich würde sich niemand diesem diffusen moralischen Gebot entgegenstellen. Support your local dealer, so der Imperativ für alle diejenigen, die sich im Internet mit adäquater Hashtag-Sprache zwar artikulieren, aber dort auf keinen Fall einkaufen möchten. Obwohl – praktisch ist es ja schon. Und so kann wahrscheinlich niemand von sich behaupten, auch in letzter Konsequenz den stationären Einzelhandel vorzuziehen.

Aber es ging ja um die aussterbenden Innenstädte. Entscheidend ist nämlich, dass der örtliche Einzelhandel sie wohl am Leben erhält. Ihn zu finanzieren wird Mittel zum Zweck. Nicht nur, um das eigene Konsumbedürfnis zu befriedigen, sondern zusätzlich, um die urbanen Blutbahnen zum Pulsieren zu bringen. Ist das nicht eine höchst eindimensionale Vorstellung von Stadtatmosphäre? Als seien unsere Innenstädte nur dann attraktiv, wenn wir sie als Hochburgen des Konsums behandeln.

Gerade in Großstädten drückt sich das in einem Stadtbild aus, in dem sich P&C, H&M, C&A, Primark und Zara aneinanderreihen. Gegenüber liegen McDonalds, Burger King, Subway und Starbucks. Und zwischen all diesen Franchises drängt sich das Shoppingsubjekt, das seine Tüten jongliert und dabei gekonnt an bettelnden Obdachlosen vorbeiblickt. Hier und da ein Vodafone-Shop, und für das belesene Publikum eine Mayersche Buchhandlung oder ein Thalia-Laden. Ist mittlerweile auch das gleiche.

Zugegeben, das ist zugespitzt. Trotzdem bleibt die Frage, ob unsere Stadtzentren darauf ausgerichtet sein sollten, dass wir uns ausschließlich in der Rolle als Konsument*innen in ihnen aufhalten. Genau dieses Problem beschrieb kürzlich Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Online-Kolumne:

Man kann sich draußen in den Städten nicht gut genug treffen, ohne irgendwo was kaufen zu müssen. Es gibt Parks, ja. Zu wenige. Und zu schlecht ausgestattete. Es gibt zu wenige Orte, an denen man einerseits nicht gezwungen ist, Geld auszugeben, um bleiben zu dürfen, und andererseits gut versorgt ist. Zum Beispiel mit Bänken und Toiletten.

Margarete Stokowski

Mit dieser Perspektive kommt man auf viele weitere Ideen, wo in Sachen Stadtplanung der Bedarf liegt. Und damit ist keine (zahlungskräftige) Nachfrage gemeint, sondern das konkrete Bedürfnis. Das betrifft Parks, Grünflächen, überhaupt Raum, in dem man sich aufhalten kann. Bequeme Sitzgelegenheiten. Raum für kulturelle Veranstaltungen, offene Bühnen. Repair-Cafés, offene Werkstätten. Vielleicht sogar Gärten. Was wünschen wir uns? Jede*r Einzelne darf sich diese Frage einmal durch den Kopf gehen lassen.

Die Herausforderung liegt darin, die folgenden zwei Dinge zusammenzubringen: Erstens die Gestaltung unserer Innenstädte gemäß unseren Bedürfnissen. Zweitens die Versorgung mit den Produkten, die wir für unser Leben benötigen.

Um diesen zweiten Punkt zu gewährleisten, können Online-Technologien allein bereits einen riesigen Beitrag leisten – noch dazu mit gewichtigen Vorteilen. Erstens: Kund*innen können selbst auf das gesamte Sortiment zugreifen und gezielt eine Auswahl treffen. (Das stellt gleichwohl eine Herausforderung an entsprechende Portale. Gerade Amazon bildet mit seiner Quasi-Monopolstellung und fragwürdigen Geschäftspraktiken ein deutliches Negativbeispiel.) Zweitens: Die Verteilung der Produkte gestaltet sich deutlich emissionsärmer. Denn erst die Bestellung der Endverbraucher*innen löst den Versand aus, der dann gebündelt abgewickelt wird. Beim stationären Einzelhandel fällt stattdessen für jeden Kauf die Anfahrt stark ins Gewicht, die häufig mit dem Auto stattfindet. Zu Recht werden beim Onlinehandel hingegen häufig die Retouren problematisiert. Rund 20 Millionen zurückgeschickte Produkte werden nicht wieder verkauft, sondern vernichtet. Das liegt jedoch kaum am Internet selbst, sondern vielmehr an der betriebswirtschaftlichen Logik, die den Umgang mit den Produkten bestimmt. Drittens: Endverbraucher*innen und Produktionsunternehmen können unmittelbar miteinander in Kontakt treten. Ein großer Teil des Distributionsapparats kann entfallen, was nicht nur Menschen von der dort anfallenden Arbeit entbindet, sondern weiterhin für die freien Flächen sorgt, die wir in Sachen bedürfnisorientierte Stadtplanung benötigen.

Nun soll dieser Text nicht dazu dienen, dem lokalen Einzelhandel in Gänze seine Berechtigung abzusprechen. Denn Online-Lösungen können unseren Ansprüchen nicht in jeder Hinsicht gerecht werden. Dazu gehört, dass bestimmte Dinge in räumlicher und zeitlicher Nähe verfügbar sind – etwa in dem Fall, dass man „noch schnell mal eben etwas braucht“. Und einige Produkte möchte man vor dem Kauf aus- oder anprobieren oder zumindest anschauen.

Ein anderes Argument zielt auf die Beratung. Man steht im Geschäft echten Menschen gegenüber, die Auskunft über Produkte geben können. Trotz der zahlreich verfügbaren Test-Magazine, Online-Kaufberatungen oder Produktvideos bieten echte Menschen weiterhin ihre Vorzüge. Jedoch sollten wir uns eine Sache bewusstmachen: Alle diese Menschen sind an ihre Rolle als Verkäufer*in gebunden. In letzter Konsequenz leben sie vom Verkauf. Wir empfinden es als bemerkenswerte Ausnahme, wenn uns im Verkaufs-, pardon, Beratungsgespräch nicht das eigene, sondern das Konkurrenzprodukt empfohlen wird. Denn selbstverständlich gibt es Einzelhandelskaufmänner und -frauen, die an den Wünschen ihrer Kund*innen interessiert sind und die sich intrinsisch für die Produkte und damit auch für ihren Job begeistern. Für den Großteil jedoch ist es nicht mehr als das: ein Job.

Für alle anderen ist der Handel lediglich die Form, in der sie ihre Expertise anbringen können. Dabei sind durchaus andere Formen denkbar. Eine Anlaufstelle vor Ort, die auf Beratung ausgerichtet ist, muss nicht zwangsläufig ein Geschäft sein. Man stelle sich vor, die Verbraucherzentrale und die Stiftung Warentest schlössen sich zusammen und eröffneten Filialen. Wären das nicht die fortan Orte, an denen wir uns vertrauensvoll würden beraten lassen wollen?

Oder der in der Debatte häufig romantisierte „Buchladen um die Ecke“, den wir als erhaltenswert beurteilen, und über den wir folglich unsere Bücher beziehen. Wenn wir über andere Formen nachdenken, dann über solche, die das Buch als solches wertschätzen und das Lesen in den Fokus rücken. Wie wäre es mit einem Lesesalon anstatt des Buchladens? In dem es nicht nur um das Stöbern geht, das letztlich auf den Erwerb ausgerichtet ist. Sondern in dem man sich gemütlich hinsetzen und tatsächlich lesen kann! In dem man sich nicht nur mit anderen Menschen über Bücher austauscht, sondern womöglich auch Bücher mit ihnen austauscht.

Wir blicken auf unsere Innenstädte durch eine wirtschaftlich gefärbte Brille. Wir sehen die sterbenden Läden, die auf den Todesstoß durch den Onlinehandel warten und ausdauernd von denjenigen am Leben gehalten werden, die es gut meinen mit den teils traditionsreichen Geschäften. Hier kämpft der kleine Handel gegen großen Kommerz. Darüber vergessen wir, dass wir ausschließlich vom Standpunkt des Konsums denken. Welche Möglichkeiten sich außerhalb dieses Rahmens entfalten, das kommt uns nicht in den Sinn, weil das Denken in Geld-Kategorien so tief in uns verankert ist, dass wir unser ökonomisches System als naturgegeben hinnehmen. Wenn wir uns die Frage stellen, wie unser unmittelbares räumliches Umfeld gestaltet sein soll, dann dürfen wir „online“ und „lokal“ nicht gegeneinander ausspielen. Mit dem Internet steht uns eine Technologie zur Verfügung, die hinsichtlich unserer materiellen Versorgung ein unglaublich großes Potenzial bietet. Dazu allerdings muss diese Technologie auf eine Weise eingesetzt werden, die uns gleichzeitig erlaubt, andere Freiräume zu eröffnen – die Innenstädte sind dabei nur ein Beispiel.

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