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Die autofreie Stadt ist nicht bloß eine Stadt ohne Autos

Der Sozialphilosopoh André Gorz hat bereits vor einiger Zeit auf einen zentralen Aspekt bei der Kritik der Automobilismus hingewiesen: das Schlimme ist nicht nur, dass es Autos gibt, sondern dass die Welt auf eine Art eingerichtet ist, in der es für die Menschen sehr funktional ist, auf das Auto zurückzugreifen. Sie fahren damit zur Arbeit in die nächste Stadt, zum Einkaufen auf die grüne Wiese und zum Schrebergarten ebenfalls auf die grüne Wiese. Die Utopie einer Welt, in der das Automobil keine zentrale Funktion mehr einnimmt, wäre zugleich die Utopie einer Welt, in der es nicht mehr notwendig ist. Über die Menschen in der automobilgemachten Gesellschaft schreibt Gorz daher:

„[E]s muss möglich sein, dass sie überhaupt nicht mehr transportiert werden brauchen, weil sie sich in ihrem Viertel, ihrer Gemeinde, ihrer auf Menschen zugeschnittenen Stadt zu Hause fühlen und weil es ihnen Freude macht, von ihrer Arbeit zu Fuß nach Hause zu gehen – zu Fuß oder allenfalls mit dem Fahrrad. Kein Schnellverkehrs- oder Fluchtmittel wird je für das Unglück entschädigen, in einer unbewohnbarern Stadt zu wohnen, nirgendwo zu Hause zu sein, dort nur vorbeizukommen, um zu arbeiten oder aber um sich zu isolieren und zu schlafen.“

Schon diese kurze Passage enthält eine fundamentale Kritik an den Städten, wie wir sie kennen: in ihnen sind die Menschen nicht zu Hause, in ihnen sind die Menschen bestenfalls geduldet, letztlich geht es aber gar nicht um sie. Ginge es um die Menschen (und nicht um den Selbstzweck, aus einem Euro zwei zu machen), sähen die Städte wohlmöglich ganz anders aus:

„Man kann sich vorstellen, dass neue Städte Zusammenschlüsse von Gemeinden (oder Vierteln) sein werden, die von Grüngürteln umgeben sind, wo die Bewohner – und besonders die ,Schüler‘ – jede Woche mehrere Stunden verbringen, um die für ihren Lebensunterhalt erforderliche frische Nahrung selbst anzupflanzen. Für ihre tägliche Fortbewegung wird ihnen eine ganze Reihe von Verkehrsmitteln zur Verfügung stehen, wie sie einer mittelgroßen Stadt angepasst sind: städtische Fahrräder, Straßenbahnen oder Trolleybusse, Elektrotaxis ohne Chauffeur. Für längere Strecken aufs Land sowie für den Transport von Gästen wird ein Pool städtischer Automobile in den Garagen des Viertels allen zur Verfügung stehen. Das Auto wird keine Notwendigkeit mehr sein. Denn alles wird sich verändert haben: die Welt, das Leben, die Leute.“

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