Nachhaltigkeit
Ein Harvester erntet Bäume von einem nachhaltig angelegten Baumacker. (Pixabay)

Nachhaltigkeit: Es gibt keine Wälder mehr!

In der Geschichte der Ökologiebewegung wird oftmals der Bericht mit dem Titel „Our Future“ aufgeführt, der bereits 1982 von der UN-Vollversammlung in Auftrag gegeben wurde. Fünf Jahre später stellte die „Weltkommission über Umwelt und Entwicklung“ unter der Leitung der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland das Ergebnis vor, das den Auftakt der Diskussion um Nachhaltigkeit bildete. Tatsächlich spricht der Bericht, der nach der Norwegerin oft nur Brundtland-Bericht genannt wird, aber gar nicht von Nachhaltigkeit, sondern von „sustainable development“, was sich ebenso gut mit „dauerhafte Entwicklung“ übersetzen ließe. Denn schließlich ging es damals darum, die Möglichkeit zu wirtschaftlichem Wachstum auf eine dauerhafte Basis zu stellen.

Der Begriff der Nachhaltigkeit bot den Vorteil, dass er eine Tradition behaupten konnte, die von der Weltkommission gar nicht beabsichtigt war. Die Tradition nämlich zur nachhaltigen Forstwirtschaft, die im 19. Jahrhundert in Preußen eingeführt wurde. Doch auch diese Tradition hat so ihre Tücken. Um was es sich bei nachhaltiger Forstwirtschaft handelt, können wir bei Wikipedia erfahren:

Nachhaltige Forstwirtschaft bedeutet die Betreuung von Waldflächen und ihre Nutzung auf eine Weise und in einem Maß, dass sie ihre Produktivität (einschließlich ihrer Bodenertragskraft), ihre Verjüngungsfähigkeit und Vitalität behalten oder verbessern. Damit soll gleichzeitig ihre Fähigkeit bewahrt werden, gegenwärtig und in Zukunft die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen des Waldes auf lokaler und nationaler Ebene zu erfüllen.

Wikipedia: Nachhaltige Forstwirtschaft

Diese Form der Nutzung heimischer Wälder wurde notwendig, nachdem die vermehrte Holznutzung im Rahmen der frühkapitalistischen Steigerung der Produktion zu einer „Holzknappheit“ geführt hatte, die manchmal gar als „Holzkrise“ bezeichnet wird. Der Historiker Jürgen Rattkau schreibt dazu in seiner Technikgeschichte „Technik in Deutschland“:

Die frühen deutschen Industrieregionen, die sich fast durchweg mit vorindustriellen Gewerbelandschaften deckten, benutzten noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ganz überwiegend Wasserkraft und Holz, in Hochöfen Holzkohle als Brennstoff. […] In fast allen deutschen Regionen wurden Holzverknappung und Holzsparmaßnahmen im 18. Jahrhundert zu einem großen Thema, obwohl die Holzressourcen von Landschaft zu Landschaft ganz unterschiedlich waren.

Jürgen Rattkau: Technik in Deutschland. Vom 18. Jhd bis heute, S. 73

Der zusätzliche Bedarf an Holz bedrohte die langfristige Möglichkeit, auf diesen Rohstoff zugreifen zu können, weshalb die Wälder nun „nachhaltig“ im oben skizzierten Sinne bewirtschaftet werden sollten. Insofern ist es kein Wunder, das die famose Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft sehr einseitig auf die Produktion von möglichst viel Holz in möglichst kurzer Zeit abzielt. Ihr Ziel war weder der Erhalt schützenswerter Ökosysteme noch eine Vermeidung ökologischer Schäden. Stattdessen ging es um die langfristige Maximierung der im kapitalistischen Produktionsprozess erzielten Gewinne. Die Folgen dieser Praxis hat der Bremer Ökologe und Sozialwissenschaftler Christoph Spehr bereits 1999, während der Hochphase der ersten Nachhaltigkeitsdebatte sehr treffend skizziert:

Die historische Nachhaltigkeit, die in der deutschen Forstwirtschaft entwickelt wurde, ist gerade ein Beispiel dafür, wie es nicht geht. Nachhaltigkeit bedeutete hier, die Forstbestände so zu bewirtschaften und umzustrukturieren, daß sie langfristig die höchsten Ertrage abwarfen. Bestände einfach abzuholzen, ist solange profitabel, wie genug „neuer“ Wald da ist; irgendwann führt dieses Prinzip aber dazu, dass aller Wald verbraucht ist und man erst wieder ein Jahrhundert warten müssen bis der Wald nachwachst. Zum Konzept einer nachhaltigen Bewirtschaftung gehörte deshalb, nicht mehr Nutzholz zu entnehmen, als im gleichen Zeitraum nachwachsen konnte. Es gehörte aber auch dazu, die Wälder so umzustrukturieren, dass in kürzerer Zeit mehr nachwuchs als bisher. Aus den Wäldern wurden monokulturelle Holzplantagen gemacht, wo auf großen Flächen gleichaltrige Bestände einer Baumart wuchsen (Hochwaldwirtschaft). Schnellwachsende Sorten (Fichte) wurden weit außerhalb ihrer natürlichen Verbreitung angebaut.

Seither gibt es in Mitteleuropa keine Wälder mehr, sondern nur noch große Baumäcker. Damit wurde eine langfristige Fehlentwicklung programmiert: Die neuen Wälder sind […] in hohem Maße instabil und pflegebedürftig., Die einheitlichen Hochleistungsbestände sind wesentlich anfälliger für Sturmschäden und Schädlingsbefall. Die nachwachsenden Schößlinge müssen aufwendig gegen den Abfraß durch das Wild geschützt werden, weil es kein Unterholz (Totholz) gibt. Das „Waldsterben“, dem heute und in Zukunft ein erheblicher Teil der Bestände zum Opfer fallt, ist ein komplexer Prozess, für den die Immissionen der Industrie die Hauptrolle zu spielen scheinen. Dieser Prozess wurde jedoch wesentlich erleichtert durch die Tatsache, daß unsere Wälder langfristig darauf vorbereitet wurden, krank zu werden.

Christoph Spehr: Die Ökofalle, S. 21f.

Der nachhaltige Wald produziert auf diese Weise verlässlich neues Holz, aber auch nichts anderes mehr. Die Bäume wachsen zwar schneller, weil sie einseitig darauf ausgerichtet sind. Aber gleichzeitig sind sie anfälliger für Krankheiten, Sturmschäden und Abfraß. Insofern lässt sich durchaus die Frage aufwerfen, ob es sich bei den entsprechenden Gebieten tatsächlich noch um Wälder handelt oder lediglich um Baumäcker.

Die gesamte Debatte um Nachhaltigkeit erweist sich vor diesem Hintergrund als problematisch. Sie enthält eine Tendenz, sich selbst das Wasser abzugraben. Denn die Anforderungen der kapitalistischen Ökonomie an das Management von Natur zielen nicht auf deren Erhaltung, sondern strukturell auf ihre Manipulation zum Zwecke der Gewinnmaximierung. Jeder Gewinn, der dabei für die uns umgebenden Ökosysteme erzielt werden kann, wird mit (zunächst meist unsichtbaren) Verlusten an anderer Stelle bezahlt. Das ist im globalen Maßstab nicht viel anders als im Falle der nachhaltigen Forstwirtschaft. Darum sollten wir so konsequent sein und es in unserer Wortwahl reflektieren: Nachhaltigkeit kann kein Ziel emanzipatorischer Umweltpolitik sein.

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