Zahlen - die Götter des kapitalistischen Wissenschaftsbetriebs.

Hat der Kapitalismus einen Zahlenfetisch?

In der politischen Diskussion spielen Zahlen eine große Rolle. Da wird das Wirtschaftswachstum gemessen und verglichen: Wie schnell wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP)? Überhaupt spielen Kennzahlen eine große Rolle: Grenzwerte für Feinstaub, Kontaktbeschränkungen in der Pandemie, Hohe der Arbeitslosenziffer. Da wird aber auch um die Höhe der Erderwärmung gestritten (1,5 % oder lieber 2,0 %?). Zahlen spielen in unseren alltäglichen politischen Auseinandersetzungen also eine große Rolle. Sie helfen uns, bestimmte Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen.

Doch gleichzeitig können sie auch Zusammenhänge verschleiern. Tatsächlich zählt die Beschreibung der Welt in Zahlen zu den grundlegenden Charakteristika der modernen Welt. Der Mathematiker Claus-Peter Ortlieb hat bereits vor 10 Jahren über diesen Zusammenhang in einem Interview bei brand eins gesprochen:

Heute macht man sich das nicht mehr klar, weil wir die moderne Beschreibung der Welt verinnerlicht haben und für selbstverständlich halten. Doch der mathematische Blick ist letztlich erst im 17. Jahrhundert entstanden, als Galilei die These aufstellte, die gesamte Welt funktioniere nach mathematischen Gesetzen und lasse sich mit der Sprache der Mathematik beschreiben, erklären und berechnen. In dieser Zeit ist von den Mathematikern sehr vieles zum ersten Mal gemacht und gedacht worden, was wir bis heute in Mathematik und Naturwissenschaften machen und denken. In der Vormoderne kam die Gesellschaft ohne Gott und die Erklärungsmuster der Religion nicht aus. An deren Stelle trat die mathematisch-naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt, die Gott zur Privatsache machte. Inzwischen ist die mathematisch-naturwissenschaftliche Deutung der Dinge konkurrenzlos. Was nicht berechtigt ist.

Claus Peter Ortlieb: Die Welt lässt sich nicht berechnen

Das klingt ketzerisch, zumal für einen Mathematiker. Doch Ortlieb will gar nicht darauf hinaus, dass Mathematik falsch wäre. Er beharrt lediglich darauf, dass mathematische Zahlenspielereien auch in den Naturwissenschaften erst dann möglich werden, wenn die Wissenschaftler*innen ein technisch-organisatorisches Setting schaffen (das Experiment), in dem die Wirkungen der aufgestellten Gesetze künstlich nachgewiesen werden können:

Das erste Gesetz von Newton zum Trägheitsprinzip etwa besagt, dass ein Körper, der sich in einem kräftefreien Raum bewegt, seine Geschwindigkeit aufrechterhält und diese nicht ändert. Die Annahme eines kräftefreien Raumes ist eine reine Fiktion. Ein solcher Raum existiert nicht. Insofern beschreibt Newton etwas, das es so nicht geben kann. Das Interessante ist, dass es eines der Gesetze ist, auf der die newtonsche Mechanik beruht. […]

Das Axiom Newtons beschreibt eine fiktive, real nicht herstellbare, gleichwohl mathematische Situation. Einen mathematischen Idealzustand, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Auf diesem aufbauend, wird Mathematik entwickelt, die die Realität beschreibt. Und wenn ich Glück habe, kann man diese in Experimenten nachweisen, aber das ursprüngliche Axiom nicht. Nur die Folgerungen, die man daraus zieht. Dieses Beispiel erklärt den mathematischen Blick auf die Welt gut. Man beschreibt eine ideale, mathematische Situation und sagt, wie sich die Welt in dieser Situation verhalten würde, obwohl es diese nicht geben kann.

Claus Peter Ortlieb: Die Welt lässt sich nicht berechnen

Wenn wir nun aber die Zahlen, die wir da vermeintlich wissenschaftlich-neutral verwenden, erst durch das wissenschaftliche Verfahren herstellen, sind die Beziehungen zwischen den Zahlen dann irreal oder falsch? Selbstverständlich nicht. Und trotzdem verweist dieser Herstellungsprozess auf die Grenzen der Mathematik. Oder in den Worten des Mathematikers:

Man muss sich bewusst machen, dass die Erfassung der Welt durch Mathematik Grenzen hat. Die Annahme, sie funktioniere allein nach mathematischen Gesetzen, führt dazu, dass man nur noch nach diesen Gesetzen Ausschau hält. Natürlich werde ich sie in den Naturwissenschaften auch finden, doch ich muss mir im Klaren darüber sein, dass ich die Welt durch eine Brille hindurch betrachte, die von vornherein große Teile ausblendet. […]

Das bedeutet nicht, dass der mathematische Blick auf die Welt per se Blödsinn ist, ganz im Gegenteil: Er ist eine echte Erfolgsgeschichte, und wir verdanken ihm viele Erkenntnisse, unsere gesamte wissenschaftliche und technische Entwicklung und die Art, wie wir heute leben. Doch die Erfolgsgeschichte ist gleichzeitig das Problem. Denn aus ihr entsteht nicht nur die Illusion zu glauben, man könne alles auf diese Weise erfassen und entschlüsseln, sondern man gerät durch diese Illusion auch noch in den Zwang, die Welt in diese Form zu pressen. Und das ist gefährlich.

Claus Peter Ortlieb: Die Welt lässt sich nicht berechnen

Der Blick auf Mathematik, den Ortlieb uns anbietet, legt uns einen zwiespältigen Blick auf die Wissenschaft nahe: Einerseits kann sie uns helfen, Probleme zu lösen. Und andererseits kann sie unseren Blick auf die Welt so justieren, das sie den Weg zur Lösung versperrt. Die Gesellschaft hat scheinbar einen Zahlenfetisch. Das klingt kompliziert. Darum möchten wir hier bei Disposable Times in den kommenden Wochen schauen, welche Folgen die Fokussierung auf mathematische Kennzahlen gerade in politisch relevanten Themenbereichen hat. Was lehrt uns der Blick auf den Entstehungszusammenhang der Arbeitslosenzahlen, des Bruttoinlandsproduktes oder der CO2-Äquivalente über Arbeitslosigkeit, Ökonomie und Klimakrise? Wir werden es bald sehen.

Reihe Zahlenfetisch

In der politischen Diskussion spielen Zahlen eine große Rolle. Sie helfen uns, bestimmte Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen. Allerdings leisten sie dies nur, wenn wir uns klar machen, für welche Aussagen wir sie heranziehen können und für welche nicht. In dieser Textreihe wollen wir verschiedene Indizes auf ihre Ursprünge und Grenzen hin untersuchen.

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