Konkurrenz in der Tierwelt Pixnio

Sind Konkurrenz und Leistungsdenken natürlich?

Oft treffen wir auf die Behauptung, das allseitige Gegeneinander der Menschen in der Konkurrenz, der verallgemeinerte Vergleich mit den uns umgebenden Menschen oder die Bemessung von Gebrauchsdingen in allgemeinen Vergleichsgrößen (Geld) seien ganz und gar natürlich. Die Art und Weise eben, wie Menschen Arbeitsteilung organisieren. Ein Wegfall von Konkurrenz und Warenproduktion wird dann gleichgesetzt mit einer Auflösung der Arbeitsteilung als solcher.

Dabei belegt ein einfacher Blick in die heimischen vier Wände einer deutschen Durchschnittsfamilie, dass dem nicht so ist. Auch in der Kleinfamilie herrscht keine „natürliche“ Arbeitsteilung vor und die Aufgabenverteilung ist zumeist hochgradig hierarchisch organisiert und ideologisch abgesichert – aber sie erfolgt doch ganz eindeutig nicht nach den Paradigmen von Konkurrenz, Geldökonomie und Warenproduktion. Weder verkauft (im idealtypischen Fall der Kleinfamilie mit männlichem Alleinernährer und stereotypen Geschlechterbildern) die Mutter das Mittagessen an den Rest der Familie noch konkurrieren Mutter und Vater beim Kochen darum, wem die Kinder das wohlschmeckende Mahl am Ende abnehmen. Es herrscht Arbeitsteilung, ohne Zweifel. Aber weder Konkurrenz noch Warenproduktion sind die Parameter, nach der sie organisiert ist.

Aber auch wenn Konkurrenz & Co nicht natürlich sind – sind sie nicht vielleicht doch die effektivsten Formen, die Herstellung und Verteilung nützlicher Dinge zu regeln? Tatsächlich ist dies die standardisierte Unterstellung, wie sie uns von Ökonom*innen immer wieder vorgetragen wird. Nur ist sie zunächst einmal genau das: eine Unterstellung. Eine valide Untersuchung, die dies untermauern würde, hat bislang noch keine dieser Wissenschaftler*innen vorlegen können.

Der markwirtschaftliche Blick auf die Klimakrise

Dabei gibt es eine ganze Reihe Untersuchungen, die das genaue Gegenteil nahelegen. Einige davon sollen im Folgenden exemplarisch vorgestellt werden. Damit sollen vor allem die problematischen Folgen herausgearbeitet werden, die an eine marktwirtschaftlichen Bearbeitung der Klimakrise gekoppelt sind.

Die Forscher Felix Warneken und Michael Tomasello etwa haben 2006 im Auftrag des Max-Planck-Instituts eine Studie zum Hilfeverhalten von Kleinkindern durchgeführt, das auf Video mitgeschnitten und in Teilen online zugänglich gemacht wurde. Auf den Bildern sehen wir beispielsweise einen Mann, der in beiden Händen einen Stapel Bücher balanciert und vergeblich versucht, einen Schrank zu öffnen. Schließlich kommt ein Kleinkind, das bis dahin die Szene interessiert beobachtet hatte, dem Mann zur Hilfe. Es öffnet die Tür und gibt ihm so die Möglichkeit, die Bücher an dem für sie bestimmten Platz abzulegen. In einem anderen Video sehen wir einen Mann, wie er Wäsche aufhängt und dabei ein Wäschestück fallen lässt. Er beugt sich über die Wäscheleine – und kann das nunmehr auf dem Boden liegende Wäschestück auf diese Weise selbstverständlich nicht erreichen. Auch ihm kommt ein Kind zur Hilfe, indem es die Wäsche vom Boden aufhebt und ihm reicht.

Entgegen der Annahme, Angst, Zurückhaltung und ein Gefühl instinktiver Feindseligkeit seien natürliche Eigenschaften des Menschen, können wir hier sehen, dass die Kinder wie selbstverständlich dem Anderen zur Hilfe kommen. Sie agieren im Modus der Kooperation, nicht in dem der konkurrenzbezogenen Leistungsgesellschaft. Doch die Studie endet nicht an dieser Stelle. In verschiedenen Versuchsreihen wurde nun untersucht, wie die Kinder im Wiederholungsfall auf eine solche Situation reagieren. Im ersten Fall bedankte sich der in Not geratene Mann freundlich für die Hilfe. Im zweiten Fall ignorierte er die Hilfeleistungen und machte einfach weiter. Und im dritten Fall gab er dem Kind für seine Unterstützung eine Belohnung. Bereits nach wenigen Durchgängen wurde klar, wohin die Reise geht: In den ersten beiden Fällen haben die Kinder weiterhin die notwendige Hilfeleistung vollbracht. Nur im letzten Fall, in dem sie eine Belohnung bekamen, haben sie nach kurzer Zeit begonnen, die Hilfeleistung an das Einfordern der Belohnung zu koppeln.

Das auf diese Weise initiierte Belohnungssystem hat es in sich: wer etwas tut, für das es eine Nachfrage gibt, bekommt dafür etwas. Wer das nicht tut, bekommt eben nichts. Im Beispiel dieser Studie ist die Funktion des Belohnungssystems noch einigermaßen harmlos – denn die Kinder stehen nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Doch was bereits hier passiert, ist, dass sich die Handlungsmotivation der Kinder verschiebt. Es geht nicht länger darum, Freude an der eigenen Handlung zu verspüren oder anderen Menschen zu helfen – das eigene Verhalten dreht sich nun um etwas Drittes. Geholfen wird nur, wenn es etwas dafür gibt. Freie Kooperation verwandelt sich in die Erbringung einer Leistung.

Belohnungen führen nicht zu besseren Ergebnissen

Die weitreichende Wirkung der Belohnungsmotivationen kann auch an anderen Beispielen aus dem pädagogischen Betrieb deutlich gemacht werden. Interessant ist daran nicht nur, dass sie zeigen, wie Kinder und Jugendliche auf die Notwendigkeiten einer Existenz in einer durchgesetzten Leistungsgesellschaft vorbereitet werden. Das macht auch die folgende kleine Geschichte deutlich:

Man erzähle auf einem Kindergeburtstag eine spannende Geschichte von Piraten, Drachen und einem versunkenen Schatz. Anschließend lässt man die Kinder Bilder zur Geschichte malen. Die Kinder stürzen sich auf das Papier und zeichnen passioniert Piratenbuchten, Seeungeheuer und detaillierte Flotten von Piratenschiffen. Nun wird das Experiment variiert, und man führt ein Incentive-System ein. Für jedes fertige Bild bekommt das Kind ein Gummibärchen. Zunächst ist die Begeisterung groß, doch schlagartig werden zwei Typen von Kindern sichtbar: Die Künstlerpersönlichkeiten arbeiten weiter mit gleichem Eifer an ihren Kunstwerken und nehmen die Belohnung als positiven Nebeneffekt mit. Die Unternehmerpersönlichkeiten hingegen steigen in die Massenproduktion ein: Nach dem Motto ›Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht‹ werden die Bilder immer schlampiger und schneller produziert. Als Zeichen ihres Erfolges türmen die Unternehmerpersönlichkeiten Gummibärchen vor sich auf. Die völlig in ihren Bildern vertieften Künstlerpersönlichkeiten nehmen im Augenwinkel die Gummibärchenberge der Kollegen wahr und verlieren langsam, aber sicher die Lust an den Details ihrer Werke […]. Es folgt die letzte Phase des Experiments: Die Spielregeln werden erneut geändert, erklärt, dass die Gummibärchen aufgebraucht sind. Schlagartig verlieren nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Künstler ihre Motivation. Die Einführung und Abschaffung eines Incentive-Systems hat aus einer hoch motivierten Rasselbande einen mies gelaunten Mob gemacht.

Friederike Habermann: Wir werden nicht als Egoisten geboren

Geld hat eine sozialisierende Funktion. Es macht aus Kindern Unternehmerpersönlichkeiten. Diese Wirkung des Geldes zielt darauf ab, die Logik sozialer Beziehungen zu verändern. Plötzlich nehmen sich die Menschen als Vertragspartner*innen wahr. Die Anderen zählen daher nur noch insoweit, wie sie für die Vertragsbeziehung relevant sind. Weitergehende Aspekte, Notwendigkeiten und Bedürfnisse spielen keine Rolle mehr. Das zeigt sich auch im Leben von Erwachsenen, wie wir uns am Beispiel eines fiktiven Kindergartens vorstellen können. Hier werden die Kinder tagsüber von einigen Erzieher*innen betreut, zu einer festgelegten Zeit am Nachmittag schließlich von den Eltern wieder abgeholt. Was so einfach klingt, stellt sich in der Realität jedoch oft als kompliziert heraus. Immer wieder kommen Eltern zu spät, mal nur ein paar Minuten, mal eine halbe Stunde. Für die Erzieher*innen hat dies zur Folge, dass sie länger arbeiten müssen, für die Kindertagesstätten den unschönen Nebeneffekt, möglicherweise Überstundenvergütungen auszahlen zu müssen.

Die Eltern tun dies keineswegs mit Absicht: sie wollten ja pünktlich sein und wissen auch um die unangenehmen Folgen für die Erzieher*innen, aber irgendetwas kommt halt immer dazwischen. Ein unerwarteter Zwischenfall auf der Arbeit, ein plötzlicher Stau – was auch immer. Also kommt die Unternehmensleitung auf die Idee, von zu spät kommenden Eltern eine Entschädigungszahlung zu verlangen. Schon nach wenigen Tagen verändert sich die Beziehung zwischen Eltern und Erzieher*innen. Nun gibt es eine vertraglich vereinbarte Regelung für deren Sozialverhalten: wer zu spät kommt, zahlt Betrag x. Und nicht selten überlegen sich Eltern, statt sich einem zusätzlichen Stress auszusetzen, einfach den jeweiligen Betrag zu zahlen. Die Verspätungen verdoppeln sich.

Nach wenigen Monaten bricht die Kindergartenleitung das Projekt ab. Von jetzt an kostet es nichts mehr, die Kinder verspätet aus dem Kindergarten abzuholen. Diese Veränderung führt nun aber nicht einfach dazu, dass die Eltern sich so verhalten, wie sie es zu Beginn unserer Geschichte getan haben. Einmal etabliert, bleibt die Vertragsbeziehung in den Köpfen aller Beteiligten und so manche Mutter und so mancher Vater dachte sich: „Super, Sonderangebot!“ – und ließ den Nachwuchs noch ein wenig länger im Kindergarten.

So fiktiv wie zunächst behauptet ist diese Geschichte allerdings nicht. Sie entspricht im wesentlichen dem, was tatsächlich passiert, wenn Kindergärten Gebühren für zu spät kommende Eltern erheben. Eine Studie dazu von Uri Gneezy und Aldo Rustichini zeigt das sehr anschaulich. Auch hier zeigt sich, was wir in Bezug auf Kinder bereits gesehen haben: wenn sich menschliche Beziehungen in Geldbeziehungen verwandeln, ändert sich ihr Charakter.

Technokratie als Allheilmittel

Es ist genau dieses Moment, auf das auch eine CO²-Steuer oder ein wie-auch-immer gearteter Emissionshandel setzen. Es ist nicht die bewusste gesellschaftliche Beziehung der Menschen, die sie dazu bringt, sich ökologisch zu verhalten – es ist ein Anreiz von Außen. Am Ende ist es ein auf Fremd- statt auf Eigensteuerung setzendes System, dass die Aufgabe „Klima-Rettung“ stellvertretend für die Menschen übernehmen soll. Die „politische“ Dimension, in der die Menschen eigenverantwortlich über ihre Lebenswelt entscheiden, wird zurückgedrängt zugunsten einer Exptert*innen-Herrschaft, die qua staatlicher Durchsetzungsmacht Werte festlegt, die dann das Leben der Menschen steuern sollen. Der französische Sozialphilosoph André Gorz hat bereits vor einigen Jahren ein solches Vorgehen kritisiert. Er beschneide die Menschen um ihre demokratischen Potentiale:

Er beseitigt die Autonomie des Politischen zugunsten der Expertokratie, indem er den Staat und die staatlichen Experten zu Richtern über die Inhalte des allgemeinen Interesses sowie über die Mittel macht, die Individuen diesen zu unterwerfen. Das Allgemeine ist vom Besonderen getrennt, das oberste Interesse der Menschheit ist von Freiheit und von der Fähigkeit der Individuen zu einem autonomen Urteil getrennt.

Andrè Gorz: Wege aus dem Kapitalismus, S. 34

Das Leistungsprinzip ist also keineswegs, wie oftmals angenommen, einfach nur eine brillante Erfindung, die uns hilft, produzierte Dinge auszutauschen. Es hat über den konkreten Austausch von Dingen (der selber nicht selten problematisch ist) hinaus eine viel weitreichendere gesellschaftliche Wirkung: es setzt die Menschen strukturell zueinander in Konkurrenz und macht sie im wahrsten Sinne des Wortes zu Einzelnen: nur auf sich gestellt sind sie aufgefordert, in einer allgemeinen gesellschaftlichen Konkurrenz gegeneinander zu bestehen. Dieser Prozess jedoch ist nicht nur gesellschaftlich irrational, sondern auch individuell eine Zumutung.

Viele der Verhaltensweisen, bei denen wir es gewohnt sind, sie mit dem „Menschen überhaupt“ in Verbindung zu bringen, haben hier ihre Ursache. Nicht „der Mensch“ neigt zu Konkurrenzverhalten und Egoismus, sondern vielmehr der Mensch, der auf die Logik einer gegenseitigen Konkurrenzgesellschaft vereidigt wurde:

Die Botschaft ist unmissverständlich: Materielle Belohnungen verderben den Charakter. Wer darauf konditioniert wird, Dinge gegen materielle Entlohnung zu tun, der tut sich anschließend sehr schwer damit, bei gleichen Handlungen ohne sie auszukommen. Ganz offensichtlich ist die Verbindung von Hilfsbereitschaft und materieller Belohnung nicht von Natur aus in unserem Gehirn angelegt. Stattdessen werden wir in unserer Kindheit darauf konditioniert, so dass unser Gehirn diese Verbindung neu anlegt. Ist sie aber einmal da, so bildet sie einen nahezu automatischen Reflex. Mit anderen Worten: Wir werden nicht als Egoisten geboren, wir werden dazu gemacht.

Richard David Precht: Die Kunst kein Egoist zu sein, S. 316.

Trotz allem reden die Ökonom*innen der Konkurrenz das Wort. Das hat einen ganz einfachen Grund: sie ist ein zentraler Mechanismus in einer Gesellschaft, die in vereinzelte Privatproduzent*innen aufgelöst ist. Das jedoch wäre zu kritisieren.

Ein Kommentar

  1. Hallo Julian, gratuliere zu Deinem Artikel.
    Kleinkinder sind nach meiner Recherche ca. 2-3 Jahre alt. Ich gehe davon aus, dass die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder für diese Studie zur „Verfügung“ gestellt haben, selbst keine Schläger, Alkoholiker, Gewalttäter oder sonstwie „sozial auffällig“ waren. Dann, denke ich trifft das Ergebnis der Studie, dass es keinen „natürlichen“ Egoismus gibt, ins Schwarze!
    Geht es um die Eltern, die ihre Kinder auch dann nicht wieder pünktlicher anholen, wenn die Strafe dafür ausgesetzt wird, habe ich Zweifel. Die Zuständigen für die Finanzierung der Kinderbetreuung müssten die Mehrkosten für Verspätung der Eltern eigentlich von vornherein mit einkalkulieren und das wissen die Eltern zumindest im Hinterkopf auch. Aber vielleicht gehe ich da zu sehr von meiner Sozialisation aus. Bereits im Vorschulalter, 5-6 Jahre?, gab es in meiner Erinnerung hauptsächlich Konkurrenz, Kalküle und Haue zwischen den Vorschulkindern.
    Die Verlinkung zur Studie funktioniert bei mir nicht (page not found 404), freilich könnte ich sie mit eigener Suche finden.
    Gruß Andreas

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