Truck im weltgrößten Kupfertagebau Chuquicamata (Chile)
Truck im weltgrößten Kupfertagebau Chuquicamata (Chile) | Wiki Commons

Kapitalistische Zwickmühlen

Folgt man einschlägigen Überschriften erlebt Südamerika im Moment einen rechten Backlash. Bolsonaro pfeift auf den Amazonas, in Venezuela zerfällt die Grundversorgung und Chile erlebt die größten Proteste seit Jahren. Was weniger die Schuld einzelner Parteien ist, zeigt sich als generelles Problem ehemaliger Kolonien: Die Abhängigkeit vom Rohstoffexport. Maristella Svampa hat dazu ein lesenswertes Buch geschrieben.

Die 90er Jahre waren wahrlich keine Erfolgsgeschichte für Südamerika. Den Höhepunkt erreichte die Krise in der Finanzkrise zum Jahrhundertwechsel. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich jedoch einiges getan. Viele progressive Parteien kamen an die Regierung und nutzten die reichlich vorhandenen Rohstoffe für den Export. Mit dem Erlös wurden der Sozialstaat und die Lohnpolitik ausgeweitet. Das Ergebnis konnte sich sozialpolitisch sehen lassen. So sanken die Armutsquoten in Lateinamerika zu Beginn des Jahrhunderts.

Diese Strategie hatte jedoch einen Haken: Die Konzentration auf den Export von kaum oder nicht verarbeiteten Produkten führte zu einem Abbau der heimischen Industrie, Maristella Svampa nennt das „frühe Deindustrialisierung“. So sind manche Länder aktuell fast ausschließlich von einem (Ecuador, Venezuela (Öl) Peru, Chile (Bergbau) Bolivien (Gas)) und manche von verschiedenen Rohstoffen (Brasilien) abhängig.

Mit dem Einbruch der Rohstoffpreise Anfang der 10er Jahre war es dann so weit. Die Konzentration auf primäre Güter konnte keine signifikante Produktivitätssteigerung ermöglichen, die industriell entwickelten Staaten profitierten nun von den niedrigen Preisen, während die Rohstoffländer den Kürzeren zogen. Die Beziehung zwischen rohstoffexportierenden und -importierenden Ökonomien wurde schon 1817 von David Ricardo als „komparativer Kostenvorteil“ beschrieben. Ricardo sah darin jedoch einen löblichen Mechanismus für das Gleichgewicht des Marktes.

Mit den niedrigen Preisen setzte laut Svampa eine Phase immer intensiver Rohstoffausbeutung ein, sie nennt dies Neo-Extraktivismus:

Der zeitgenössische Neo-Extraktivismus kann als Entwicklungsmodell charakterisiert werden, das auf der Überausbeutung immer knapper werdender, größtenteils nicht erneuerbarer Naturgüter sowie auf der Ausweitung der Nutzungsgrenzen auf Gebiete, die zuvor aus kapitalpolitischer Sicht als unproduktiv galten, beruht. Er zeichnet sich durch die Exportorientierung von Rohstoffen in großem Maßstab aus, darunter Kohlenwasserstoffe (Gas und Öl), Metalle und Mineralien (u.a. Kupfer, Gold, Silber, Zinn, Bauxit, Zink) sowie Produkte, die mit dem neuen landwirtschaftlichen Paradigma verbunden sind (Sojabohnen, Ölpalmen, Zuckerrohr). Der so definierte Neo-Extraktivismus bezeichnet also mehr als nur die traditionell als extraktiv betrachteten Aktivitäten. Dazu gehören der Tagebau, die Erweiterung der Öl- und Energiegrenze, der Bau großer Staudämme und anderer Infrastrukturprojekte. Die Grenzen der Rohstoffausbeutung – unter anderem Autobahnen, Häfen, bi-ozeanische Korridore – bis hin zur Expansion verschiedener Formen von Monokulturen oder Monoproduktion durch die Generalisierung des Agrar-Geschäftsmodells, Überfischung oder Forstmonokulturen.

Maristella Svampa

Der Neo-Extraktivismus zeichne sich auch durch seinen Gigantismus aus. So wird der Energiebereich, welcher bis 2014 große Teile des Südamerikanischen Entwicklungsplans beinhaltete, massiv gefördert. Gefördert werden vor allem Wasserkraftwerke, die keineswegs so umweltschonend sind, wie die Bezeichnung Wasserkraft vermuten lässt. Betroffen davon ist besonders der brasilianische und der bolivianische Regenwald. Dies hat verschiedenste Flüchtlingsbewegungen zur Folge, da der Boden durch Wasserkraftwerke zunehmend unfruchtbar wird. Außerdem ist ein transozeanische Kanal durch Nicaragua in Planung, der die beiden Ozeane neben dem schon existierenden Panamakanal verbinden soll. Experten warnen auch hier vor den Folgen für die Umwelt. Nicht zuletzt werden auch in Südamerika immer mehr alternative Schürfmethoden angewendet, bspw. das Fracking. Svampa bezeichnet sie als Extremenergien.

Wo viel Geld gemacht werden kann, dauert es nicht lang bis auch die organisierte Kriminalität im Spiel ist. So berichtet Svampa von allerlei mafiöse Strukturen inklusive Menschenhandel und Prostitution, die gemeinsam mit dem Abbau von seltenen Erden und Metallen auftreten.

Der Raubbau an der Natur blieb nicht ohne Widerstände. Diese wurden jedoch sowohl von links als auch von rechts aufgrund der Ausweglosigkeit der kapitalistischen Reichtumsform ignoriert. Die Ausbeutung der Natur ist notwendig, um die Sozialpolitik am Leben zu erhalten, mit denen die Regierungen sich legitimieren. Dies hatte zur Folge, dass kritischer Bewegungen unterdrückt und kriminalisiert wurden. Laut „Global Witness“ fanden über 80 % aller Morde an Umweltaktivist*innen zwischen 2002 und 2013 allein in Lateinamerika statt.

Das südamerikanische Entwicklungsmodell zeigt eine zentrale Einbahnstraße des Kapitalismus auf. Abstrakter Reichtum, in Form von Geld, kann nur aufrechterhalten werden indem die Natur bis auf den letzten Rest zerstört wird. Somit ergibt sich die Frage: Wohlstand oder Umwelt?

Der südamerikanische Traum, durch die Rohstoffe unabhängig vom Weltmarkt zu werden, ging nicht in Erfüllung. Die wirtschaftliche Abhängigkeit hat sich von den USA nach China verschoben. Um nur ein Beispiel zu nennen: 84 % der Exporte aus Südamerika nach China sind Primärwaren, während 64 % der chinesischen Exporte, die nach Südamerika gehen, gewerbliche Industrieprodukte sind. Dies geht einher mit einer südamerikanischen Kreditabhängigkeit von chinesischen Banken.

Svampa macht klar, wie die kapitalistischen Demokratien abhängig vom abstrakten Reichtum des Kapitalismus sind und wenig bis gar keinen Spielraum haben und stattdessen – ungeachtet der konkreten politischen Ausrichtung – den wirtschaftlichen Interessen hinterherlaufen. Nicht verwunderlich ist dabei, dass auch die marxistischen Bewegungen im Produktivitätsparadigma voll aufgegangen sind.

Das Buch gibt einen unkomplizierten Überblick über die verschiedenen Phasen des lateinamerikanischen Entwicklungsmodells und der diversen Protestformen. Die Autorin zeigt beispielhaft auf, dass dieses Wirtschaftsmodell keine Zukunft hat und schnellstmöglich aufgehoben werden sollte.

Sie verpasst es jedoch, eine substanzielle Definition des Kapitalismus zu geben, und tappt deshalb auch in den Mythos vom „Anthropozän“. Es sind eben nicht die konkreten „Menschen“, die den Klimawandel vorantreiben, sondern die abstrakte Herrschaft der kapitalistischen Ökonomie. Am Ende des Buches richtet sie sich zwar gegen einen sozialdemokratisch angehauchten Green New Deal, trotzdem kann sie eigentlich nur dieselben Lösungen anbieten. Ebenfalls kritikwürdig ist ihr kurzzeitiger Flirt mit einer romantischen Naturauffassung der indigenen Bevölkerung. Es sollte nicht nach hinten, sondern nach vorne geguckt werden.

Im Kontext des Elektroauto-Hypes kommt das Buch gerade richtig, da in Südamerika die größten Lithiumreserven der Welt lagern. Der E-Auto-Hype könnte in Gefahr geraten, falls sich die lateinamerikanische Bevölkerung gegen die Ausbeutung der Erde stemmt. Doch auch dafür hat E-Auto-Guru Elon Musk eine einfache und äußerst „innovative“ Lösung: Der gute alte Putsch. Alles für den Klimaschutz!

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Rezension zu:
Maristella Svampa
Die Grenzen der Rohstoffausbeutung: Umweltkonflikte und ökoterritoriale Wende in Lateinamerika.
Bielefeld University Press, 2020
156 Seiten, 17,50€ (PDF Online frei verfügbar)

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für die Rezension!
    In dem Text klingt es ein wenig so als sei die Orientierung der lateinamerikanischen Ökonomie am Rohstoffexport eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Tatsächlich prägt sie diese Weltregion bereits seit der Kolonialisierung: erst wurden Gold und Silber geraubt, dann in Monokulturen Baumwolle, Zucker und Kaffee angebaut, heute sind es Palmöl, Soja und der Abbau seltener Erden.

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