Nashörner: Vom Aussterben bedroht und bei Wilderern beliebt. Ohne Kapitalismus gäb's das Problem nicht. Bildquelle: Pixabay

Wenn Corona und Kapitalismus auf den Artenschutz treffen

Um den Artenschutz steht es ohnehin nicht gut. Und die Corona-Pandemie verbessert die Situation nicht gerade. Denn mit ihr gehen ökonomischen Einbußen einher, die viele Menschen etwa in Afrika dazu bringen, sich vermehrt der Wilderei zuzuwenden. Während gleichzeitig den Regierungen die Einnahmen ausgehen, um den Schutz bedrohter Arten zu gewährleisten:

Nashörner, Antilopen, Elefanten, Büffel und Giraffen können nicht am Coronavirus sterben, und doch ist die Pandemie eine Gefahr für ihr Leben. Zu deren Kollateralschäden zählt in Afrika – vom Akagera-Nationalpark bis zur Serengeti in Tansania – ein verminderter Natur- und Artenschutz. Das bedeutet Gefahr für die Träger von Stoßzähnen und Hörnern, für die Gorillas der ugandischen Regenwälder, für wilde Tiere, deren Fleisch essbar ist. […] Bisher hat der Lockdown in den vielen Ländern des Kontinents Millionen von Menschen arbeitslos gemacht und der Schattenwirtschaft zugesetzt. Fliegende Händler dürfen nicht mehr verkaufen, die Märkte sind geschlossen. Aus den Städten fliehen Menschen in die Dörfer, in der Hoffnung, dort ein Auskommen zu finden. In Niger oder in der Elfenbeinküste stiegen die Preise für Lebensmittel um ein Vielfaches. Sich selbst mit dem Verzehr von Wildtierfleisch oder dem Handel mit Hörnern zu helfen, ist eine häufige Reaktion – für gefährdete Arten eine Katastrophe. In Südafrika wurden bereits neun, in Botswana sechs vom Aussterben bedrohte Nashörner getötet. In Uganda erstachen Wilderer einen Silberrücken-Gorilla. Und das sind nur die bekannt gewordenen Fälle seit Ausbruch der Pandemie.

Andrea Jeska: Horn absägen – als Schutz

Es ist nun allerdings keineswegs so, dass vor Beginn der Corona-Pandemie in den Reservaten alles in Butter gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Der Artenschutz ist stets prekär, da er (unter den Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion) nicht nur auf guten Willen, sondern vor allem auf Finanzierungsmöglichkeiten angewiesen ist. Bleiben sie aus, bekommen die Schutzmaßnahmen bisweilen ein fast hilfloses Moment, wie Andrea Jeske beschreibt:

In armen Ländern wie Simbabwe, Sambia oder Malawi ließ der Artenschutz schon vor der Pandemie zu wünschen übrig, zudem kämpfen dort Mensch und Tier gegen eine seit vier Jahren anhaltende Dürre. Es waren Privatleute, die für das Bepumpen der Wasserlöcher in Simbabwes Hwange-Park sorgten, damit die Elefanten nicht verdursten. Auch das gehört vorerst der Vergangenheit an.
Die Angst um die Tiere ist mittlerweile so groß, dass die Nationalparkbehörde im Nordwesten Südafrikas zu einem drastischen Mittel griff: In drei Schutzgebieten wurden den Nashörnern die Hörner abgesägt, damit die Wilderer sie nicht deswegen töten. In Botswana fing man die Nashörner aus dem Okavangodelta ein, um sie an einen geheimen Ort zu bringen. In anderen Staaten hat die Pandemie Administrationen gezwungen, Wildschutzbudgets für die Gesundheits- und Lebensmittelhilfe zu verwenden.
Aber nicht nur dieses Geld fehlt, auch die Touristen werden vermisst. Ihre Anwesenheit bot den Tieren notfalls Schutz vor Wilderern. Nun, da die Resorts leer sind, übernehmen Tiere die Golfplätze und versorgen sich mit Frischwasser aus den Swimmingpools, was Wilderern ihr Geschäft erleichtert. Im Interview mit dem Sender Al Jazeera meinte Craig Millar, Sicherheitschef des ostafrikanischen Naturschutzbundes Big Life Foundation, der Artenschutz sei schon jetzt um Jahre zurückgeworfen. Er befürchte, die auf Corona folgende ökonomische Not werde zu einem drastischen Anstieg der Trophäenjagd führen. Wie prekär es ist, dass Tierschutz in Afrika vom Tourismus abhängt, zeigt sich in diesem Moment.

Andrea Jeska: Horn absägen – als Schutz

Das Problem, mit dem sich der Artenschutz auf dem afrikanischen Kontinent konfrontiert sieht, ist allerdings hausgemacht. Denn gerade die spezifische Art, ökologische mit ökonomischen Interessen zu verbinden, schafft erst die krisenanfälligen Szenarien. Das gilt für einen Artenschutz, der auf die Touristik-Industrie zurückgreifen muss, es gilt aber auch im Falle anderer entwicklungs- und umweltpolitischer Maßnahmen, wie etwa dem „Land Sparing“. Den Begriff erklärt die Online-Plattform Pflanzenforschung ganz sachlich. Es handele sich dabei um eine

Landnutzungsform, bei der auf einem Teil der landwirtschaftlich genutzten Fläche einer Region eine nachhaltige Intensivierung und Produktivitätssteigerung angestrengt wird, um andere Gebiete bzw. natürliche Habitate zu entlasten oder zu schonen. Während Erstere der Ertrags- und Ernährungssicherung dienen, stehen auf Letzteren Aspekte wie der Erhalt bzw. die Schaffung natürlicher Lebensräume, die Erhöhung der Biodiversität oder der natürlichen Kohlenstoff- und Wasserspeicherkapazität durch das Anlegen von z. B. Wäldern oder Feuchtgebieten im Vordergrund.

Bei einer Kritik an derartigen ökokolonialen Praktiken geht es allerdings nicht um den Schutz einer vom Menschen unberührten „Natur“ als Selbstzweck, sondern immer auch um die Lebensbedingungen von Menschen. Denn die fallen aus der herrschenden Rechnung für gewöhnlich heraus. Julia Fuchte bemerkte dazu bereits vor einigen Jahren in einer Rezension des Buches „Die grüne Matrix“ im Postwachstumsmagazin Oya:

Heute enteignen Staaten im globalen Süden systematisch Land – sowohl zugunsten der industriellen Landwirtschaft (»Landgrabbing«) als auch zur Schaffung von Naturschutzgebieten (»Land Sparing«). Bei letzterem werden die Bewohner aus ihrer Heimat vertrieben, um für den »Erhalt von Biodiversität« unberührte Inseln in einem Meer chemisch und gentechnisch behandelter Monokulturen zu schaffen. Große Naturschutzorganisationen spielen hier eine umstrittene Rolle. Oft sind sie indirekt an den Vertreibungen beteiligt oder kooperieren – wie der WWF – mit multinationalen Konzernen, denen sie durch Zertifikate zu einem grünen Image verhelfen.
Die betroffene Landbevölkerung steht der Idee der »Biodiversität« daher häufig feindlich gegenüber – kein Wunder, wenn Naturschutz und Armutsbekämpfung gegeneinander ausgespielt und Versprechungen von Arbeitsplätzen und Infrastruktur für die Menschen in den Pufferzonen oft leer bleiben. Den Profiteuren aus Wirtschaft und Politik gelingt es, gegenüber der Öffentlichkeit und den Betroffenen alternative Handlungswege zu verschleiern, Sachzwänge vorzuschützen und Widerstand zu zersplittern.

Julia Fuchte: Die grüne Matrix

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