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Gewaltig-grausige Mondlandschaften

Der vom Kapitalismus losgetretene Zugriff auf die Reichtümer der Welt ist schier ohne Grenzen. Alleine vom Beginn des 19. Jhd. bis zum Ende des 20. Jhds. hat sich der Energieverbrauch der Welt um das 40fache erhöht. Die Förderung von Kohle, Öl und Gas war dementsprechend ebenfalls immensen Steigerungen unterworfen.

Deutlich werden die für vormoderne Menschen unvorstellbare Gewalt und Allmacht der kapitalistischen Maschinerie beispielhaft in einer biographischen Notiz aus dem frühen 20. Jhd.:

Ein gewaltig-grausiger Anblick…., ein Wald von Fabrikschornsteinen, Fördertürmen, Maschinenhallen, Koksöfen, Hochöfen, Mietskasernen, gespensterhaft sich abhebend von dem schmutzig-grauen Himmel. (…) Fieberhaftes, hastiges, wimmelndes, keuchendes Leben durchglühte alles. Ein Wolkenmeer von schwarzem Rauch und geballten gelben Schwaden lag drückend auf der Landschaft. (…) Ein Rauchen, Dröhnen, Grollen, Klirren, Klingen, Sausen, Trillern, Surren, Zischen, Pfeifen erfüllte die Luft, und der Boden stöhnte und bebte. Lieder der Arbeit, der nie rastenden, ewigen, seelenlosen Arbeit. Die Natur schien sich verkrochen zu haben vor Angst und Trauer. (…) Wie können hier Menschen leben, dachte ich mit Grauen, in diesem Lande ohne Seele, ohne Himmel und Schönheit; wer hier geboren wurde und sein Leen verbrachte, musste erstarren, zum Arbeitssklaven, zur Maschine werden!

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers, S. 22

Die damit einhergehende Umgestaltung der menschlichen Umwelt ist allumfassend und hat stets ein Moment der Zerstörung. Ein aktuelles Beispiel für die Ignoranz dieser Unterwerfung der „Natur“ durch die kapitalistische Ökonomie gibt der Braunkohlebergbau ab. Sehr pointiert lesen wir über den Abbau in Garzweiler etwa bei der Sozialphilosophin Eva von Redecker:

,Grube‘ ist ein verniedlichendes Wort für diese Mondlandschaft. Ein elf Hektar großer, in Stufen abgebaggerter Krater, der bereits die Häuser von Tausenden Dorfbewohnern, Ackerland und Waldflächen verschlungen hat. Kahle, staubige, leergeschaufelte Erde. Wie ein Amphitheater für Giganten, in dem die Aktivist*innen mit ihren schillernden Kostümen auf Ameisengröße schrumpften. Und natürlich ist auch etwas Grandioses an dieser Ödnis. Etwas, das auf Planung und Können verweist. Es ist nicht an sich falsch, irgendwo die Erde zu bewegen, und ich verstehe gut, dass die Arbeit mit diesen Maschinen reizvoll ist. Ich kriege selbst Bauchkribbeln, wenn ich mir vorstelle, im Führerhäuschen so eines Riesenbaggers zu sitzen. Nicht die Tätigkeit des Baggerführens soll aufhören – die man schließlich auch bei Renaturiserunganstrengengungen einsetzen kann –, sondern die Kontrolle von Firmenleitungen über die Bodenschätze der Erde.

Eva von Redecker: Revolution für das Leben, S. 237f.

Die Autorin bezeichnet die Art des Zugriffs auf natürliche Ressourcen, die sich in solchen Praxen spiegelt, als „Sachherrschaft“. „Sachherrschaft“ ist ein Begriff aus dem Juristischen, der Eigentum bezeichnet. So lesen wir etwa bei Wikipedia: „Eigentum […] bezeichnet die umfassendste Sachherrschaft, welche die Rechtsordnung an einer Sache zulässt.“ Diese beinhaltet einen Zugriff, der absolut, d.h. allumfassend ist und ganz ausdrücklich auch die potentielle Zerstörung der Sache einschließt. Für das Kapital ist der Boden in Garzweiler nur dann nützlich, wenn er nutzbar gemacht werden kann.

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