Cover Bolo Bolo
Bildquelle: eigenes Bild

Zwischen Alternativromantik und Revolutionscharme

bolo‘ bolo ist eine in den frühen 1980er-Jahren entstandene Utopie, die ihre konkrete Ausformung vor allem den anarchistischen Debatten im deutschsprachigen Raum seit den 1970er-Jahren verdanken dürfte, vor allem aber den spezifischen Diskussionen in der Schweiz. Der Autor ist Hans Widmer und hat sich als Kürzel für seinen Namen auf p.m. verlegt – dem Vernehmen nach die häufigste Buchstabenkombination im Schweizer Telefonbuch dieser Zeit. Im Folgenden stellen wir den Inhalt des Textes kurz dar. In weiteren Beiträgen möchten wir zukünftig einzelne Aspekte der Utopie diskutieren (etwa die Vorstellung gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die partielle Arbeitsutopie, die liberalistische Erziehungs- und Bildungstheorie und einiges mehr).

Der Essay beginnt mit einer kurzen Kritik der real existierenden Gesellschaften im späten 20. Jahrhundert. p.m. charakterisiert die spätfordistischen Gesellschaften als Planetare Arbeitsmaschine (PMA) und konstruiert eine Utopie, in der diese aufgehoben ist. Sein analytischer Ausgangspunkt ist dabei die undogmatische, anarchistische Debatte im Europa der 1970er und 1980er-Jahre.
Die einzelnen Momente der Utopie bekommen Eigennamen zugeordnet, um so den Eindruck eines komplexen, auch sprachlich verbalisierten Systems zu erwecken. Die in Klammern angegebenen Namen markieren daher die Eigennamen einer Kunstsprache, die der Autor für die jeweils beschriebenen Phänomene gewählt hat.

Ausgangspunkt der Utopie ist das einzelne Individuum, das ibu (66). Etwa 100 ibu organisieren sich in kleinen Kommunen, den sog. bolo (70). Das bolo ist die zentrale Organisationseinheit der vorgestellten Weltgesellschaft, weshalb diese dann bolo‘ bolo heißt. Das bolo selbst können wir uns jeweils zweigeteilt vorstellen: es gibt einen Komplex aus Werkstatt- und Stadtgebäuden (sibi) sowie ein landwirtschaftliches Grundstück in einer Entfernung von einigen Kilometern (kodu). sibi und kodu sollen gemeinsam die Selbstversorgung des bolo garantieren. Jedes ibu verfügt über eine Reihe von Grundrechten, die von allen bolo garantiert werden müssen (sila), alle weiteren Dinge können von bolo zu bolo unterschiedlich geregelt werden. Das private Eigentum der ibu beschränkt sich auf eine kleine Kiste mit persönlichen Dingen (taku, 81).
Die mit 100 Leuten doch schon ordentlichen großen bolo können unterteilt werden in kleinere Einheiten, in denen das unmittelbare Zusammenleben organisiert wird (der Autor schägt für kana eine Größe von 15 bis 30 Ibus vor).

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Der Zusammenschluss der ibus in einem bolo erfolgt aufgrund gemeinsamer Vorstellungen vom Zusammenleben und kann von bolo zu bolo differieren (nima, 86).
Durch die Kombination von städtischen und ländlichen Elementen (sibi, 104 und kodu, 92) sind die bolos zur landwirtschaftlichen Selbstversorgung in der Lage. Angebaut wird was sich regional anbietet und den Gelüsten der ibus entgegenkommt. Überschüsse können ausgetauscht werden, grundsätzlich garantiert aber die neue Qualität der Lebensmittelproduktion eine Steigerung der Genüsse trotz weitgehenden Wegfalls von Importprodukten. Die Energieversorgung wird derweil weitgehend lokal umgestaltet (pali, 109), gleiches gilt auch für die Wasserversorgung (sufu, 113). Die Bebauung wird weniger auf zunehmenden Flächenverbrauch hin orientiert sein, sondern auf Umnutzung bereits vorhandener Möglichkeiten (gano, 116), die aus standardisierten Stadtvierteln eine Vielzahl unverkennbarer bolos macht.

Bildung und Erziehung funktionieren im Wesentlichen als learning-by-doing und Anschauung-in-der-Praxis, wobei Wissen nicht hierarchisiert und als gleichberechtigt gedacht wird (Esoterik und Quantenphysik sind gleichermaßen wertvoll) (pili). Einzelne, von den bolos nicht leistbare Infrastrukturaufgaben (Überregionaler Verkehr, Teile der Energieversorgung, Stahlwerk etc.) können an übergeordnete, freiwillige Zusammenschlüsse delegiert werden (kene). Die Nachbarschaft (tega) ist ein solcher Zusammenschluss, der als Dorf, Stadtteil etc. in Erscheinung treten kann.
Absprachen werden im Rahmen eines Rätesystems mit Delegierten getroffen, ein solches Gremium im Rahmen eines tega (tega dala) ist dementsprehend mit Delegierten aus den beteiligten bolos besetzt, die per Los bestimmt werden. Diese Delegierten (dudi) werden zudem um solche ergänzt, die aus anderen Regionen oder Orten hinzukommen, um den Prozess zu beleben und den Austausch von Ideen zu institutionalisieren. Die Nachbarschaften (tega) können sich wiederum zu stadtähnlichen Konglomeraten mit eigenen Verwaltungsräten (fudo dala) zusammenschließen (dala). Die größte denkbarer Einheit ist das sumi, die autonome Region mit entsprechenden Verwaltungsräten (sumi dala), denen der Autor aber ebenso wie den anderen Räten keine große Bedeutung zumist. Da sie nicht mit Exekutivgewalt ausgestattet seien, hätten sie keine sonderliche Relevanz und könnten keine dauerhaft-strukturelle Herrschaftsfunktion ausüben. Denn im Zweifelsfall würden sie halt missachtet. Die noch größere, globale Instiution asa (ausgestattet mit asa dala) hat hingegen noch geringere Bedeutung und kümmert sich um unwichtigen Kram (,Hobbies‘) wie globale Ressourcenverteilung. Auf Weltebene nennt sich das Gesamtkonstrukt dann sumi.

Im Anschluss an die ausführliche sozialräumliche Darstellung der bolo-Welt schildert der Autor kurz die in bolo bolo vorherrschenden Verteilungsmechanismen. Als einfachste Form der Verteilung bestimmt er das Geschenk (buni, S. 156). Dies wird ergänzt um lokale Geschenkepool, die als eine Art institutionalisierter Umsonstladen vorgestellt werden können (mafa, S. 159). Beide, so p.m., eignen sich jedoch nicht für die Herstellung einer langfristigen Versorgungssicherheit mit benötigten Dingen. Hierfür schließen die bolos Tauschabkommen mit anderen bolos ab (feno, S. 161). Diese sind dezentral und können nach eigenem Gutdünken von den bolos abgeschlossen werden. Ein vergleichbares Verfahren sieht der Autor für größere geographische Einheiten vor.

Diese Praxis verhindere anonyme und standardisierte Märkte, Arbeitszeit sei nur noch wenig bis gar nicht vergleichbar. Trotzdem, so p.m, sei in bolo bolo der „kalkulierende Austausch) nicht vollständig verschwunden, auch wenn er gegenüber den „anderen, wichtigeren Formen des Austausches“ (S. 166) an Bedeutung verliert. Zu diesem Zwecke gibt es regelmäßig abgehaltene Märkte, die von ihm ein wenig in Anlehnung an den urbanen Charme sonntäglicher Flohmärkte konstruiert werden (S.166f.). Als Äquivalent für die jeweiligen Tauschhandlungen können beliebige, dezentrale Währungen dienen (S. 168) – ein Verfahren, das stark in Konzepte von Tauschringen in der Tradition der Zinskritik a la Silvio Gesell erinnert.

Während auf diese Weise die Transportwege von Gütern deutlich kürzer ausfallen als in der kapitalistischen Gegenwart, stellt die Mobilität der ibus für den Autor ein wesentliches Problem dar (fasi, S. 170ff.). Auch für das Verkehrswesen gilt der Grundsatz der Dezentralität, wobei p.m. vermutet, das die Bedeutung des Fahrrades innerhalb eines Radius von etwa 20 km an Bedeutung zunehmen dürfte (S. 172). Das Rad könnte dann ergänzt werden um eine regional je unterschiedliche Mischung aus (Straßen-)bahnen und Bussen.

Neben einer neuen Logik der Mobilität setzt p.m. zudem auf eine neue Logik der Streitschlichtung. Diese setzt allerdings weniger auf Meditation und Solidarität, sondern auf archaische Streitlösungsmechanismen wie ritualisierte Duelle (yaka, S. 179ff.). Das rührt nicht zuletzt daher, dass er dem ibu ein gerüttelt Maß an männlicher Subjektivität unterstellt, die für ihn mit einer vermeintlichen „Natur“ korrespondiert – bolo bolo sei eben eine „Zivilisation mit Grenzen“ (S. 179).


Rezension zu:
pm.
bolo bolo
Paranoia City Verlag
1995 [1983]
ISBN 3-907522-01-X

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