Der Kapitalismus produziert riesige Müllberge. Und es wird nicht besser! Pixabay

Typisch Kapitalismus: Erst Quatsch produzieren, dann wegschmeißen

Der Zyklus, in dem Waren erst hergestellt, dann gekauft und schließlich wieder vernichtet werden, wird immer kürzer. In diesem Zusammenhang ist es dann auch nur konsequent, dass massenhaft Kleidung einfach vernichtet wird. Das ist schon in „normalen“ Zeiten der Fall. Es gilt aber noch mehr während der Corona-Krise. Hinzu kommt, dass es für die Betriebe billiger ist, die Ware zu ,entsorgen‘ als sie zu spenden, weil die Gesetze in Deutschland auf Spenden absurderweise eine Umsatzsteuer vorsehen.

Mal abgesehen davon, dass die derzeit gehypte Fast-Fashion sowieso schon nach dem dritten oder vierten Tragen kaputt ist und daher sowieso als Kleiderspende fragwürdig ist, hat dies eine weitere Drehung in der Irrwitzspirale zur Folge:

Was also tun mit der Ware, die übrigbleibt? Deren Einlagerung nicht lohnt, weil sie im nächsten Winter kaum Verkaufschancen hat? Angesichts des aktuellen Warenstaus sind immer weniger Hersteller bereit, Teile zurückzunehmen. Auch dies ogenannten Drittverwerter, die Hosen oder Jacken etwa in Outlets verkaufen, picken sich angesichts der Massen nur noch die Rosinen heraus.
Wenn Sie als Textilhändler heute zum Steuerberater gehen, wird der Ihnen raten, die Waren zu vernichten“, sagt Greenpeace-Konsumexpertin Viola Wohlgemuth. Denn die Regularien der Überbrückungshilfe III, die seit kurzem beantragt werden kann, besagen, dass diese saisonal nicht absetzbare Ware als … verderbliche Ware gilt – und somit als Fixkosten abgesetzt werden kann.

Nicole Netter: Für die Tonne (Nürnberger Nachrichten)

Die Dynamik der kapitalistischen Ökonomie macht also zunächst eine stete Beschleunigung des Materialumschlags notwendig. Und bringt dann die stetige Erhöhung der Ausschussproduktion mit sich. Erst müssen Menschen im Schweiße ihres Angesichts Dinge produzieren und Naturressourcen verbrauchen. Und dann fliegt ein immer größerer Teil des Warenberges auf den Müll. Die Philosophin Eva von Redecker hat diesen Zusammenhang sehr treffend charakterisiert:

Das Muster ist im Kern dasselbe: wie ein riesiger Trichter saugt das Kapital alles an, dessen Nachleben es als Gewinn festzuhalten hofft. Aber wir können jetzt sehen, dass die Akkumulation von Mehrwert, also die Ansammlung des Gewinns beim Kapital, gewissermaßen nur die Innenansicht des Vorgangs ist. Aus der Vogelperspektive sieht es anders aus: Die Produktion richtet sich auf den Profit, aber in ihrem Zuge entstehen weitaus mehr Dinge als die profitträchtigen Waren. CO2, Produktionsabfälle, Verpackungen (und nach kurzer Zeit oft auch die abgenutzte Ware selbst) werden fallengelassen, aufgegeben, abgestoßen. Was die Verwertung eigentlich tut, ist, Güter in Waren und Ausschuss zu spalten.
Anders als der Mehrwert kehren die von den Waren abgespaltenen Dinge aber gerade nicht zum Ausgangspunkt zurück. Delfinmägen sind von Plastikmüll verstopft, nicht die Trichter des Kapitals.

Eva von Redecker: Revolutionen für das Leben, S. 53

Den Beteiligten erscheint dieser Irrsinn freilich nicht als solcher. Es handele sich dabei vielmehr, so können wir lesen, um ein Charakteristikum der Modebranche und eine Folge der Konsumwünsche der Verbraucherinnen.

Axel Augustin, Sprecher des Branchenverbands BTE, hält diese Vorschläge zwar argumentativ für nachvollziehbar. Doch so einfach sei es nicht. Der Modebranche wohne ein gewisses Maß an Überproduktion schlicht inne. „Deutschland hat keine Mangelwirtschaft. Und kein Verbraucher wünscht sich, dass er im Laden nur Musterstücke anschauen kann und dann monatelang auf sein eigens gefertigtes Teil wartet.“ Zudem seien die Händler im globalisierten System an Mindestabnahmemengen gebunden; auch müssten sie ein halbes Jahr im Voraus entscheiden, was sie bestellen. Nicht immer jedoch wollen die Kunden diesen Schnitt oder jene Farbe, mal bleiben einfach bestimmte Größen liegen. Eine große Menge an Auswahl zu bieten sei aber das Charakteristikum des Modemarkts. „Es ist anders, wenn ich ein Stück Butter will. Kleidungskauf ist Freizeitverhalten, spontane Inspiration, Lust. Das funktioniert vor allem durch Auswahl – und eben auch Menge.“

Nicole Netter: Für die Tonne (Nürnberger Nachrichten)

Ganz offensichtlich sollen einmal mehr die Probleme, die von der kapitalistischen Produktionsweise verursacht werden, auf die Verbraucher*innen abgewälzt werden. Das geht in zweierlei Hinsicht am Problem vorbei. Einerseits bleiben die Produzent*innen von Repression verschont und können weiterhin Mensch und Natur mit der Produktion von Unsinn zerstören. Und andererseits kann die Frage ausgeblendet werden, wie unsinnig wohl eine Produktionsweise ist, die sich statt am sinnlich-stofflichen Ergebnis der Produktion an abstrakten Gewinnmargen orientiert.

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