Die Frage, was Geld ist und warum es immer mehr wird, beschäftigt Ökonom*innen seit jeher. Pixabay

Geldheiler kapern die Frankfurter Rundschau

Ein wirres Osterei

An Ostern 2021 lese ich den Namen Silvio Gesell in der Frankfurter Rundschau. Unter der Überschrift „Mutter Natur belohnen/ Keine Renditen mehr zulasten der Umwelt“ (FR 3.4.2021) hat Beate Bockting, die stellvertretende Vorsitzende der Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung (INWO) einen Text für die FR-Kolumne „Gastwirtschaft“ verfasst. „Schlichte Verbrauchssenkungen helfen unserem Klima, der Natur und somit uns direkt“ steht abweichend von der Printfassung in der Digitalversion FR+ unter einem Winterlandschaftsbild. Die ersten Sätze erklären, woran Klima, Umwelt und Natur kranken und warum das bedrohlich ist. Dann schreibt Frau Bockting:

„(Der) notwendige Wandel muss sich auch in unserem Geld- und Finanzsystem widerspiegeln. Statt Renditen zulasten der Natur zu erwirtschaften, sollten wir Mutter Natur belohnen! Dazu passt die Zinstheorie Silvio Gesells, der betonte, dass es kein Recht auf positive Zinsen gibt.“

Beate Bockting: Mutter Natur belohnen

Kapitalismus wird hier als Geld- und Finanzsystem bezeichnet, nicht als Wirtschaftssystem. Das gilt auch für den Begriff Rendite. Ein komplexes ökonomisches System wird ohne jede Begründung auf Finanzgeschäfte reduziert. Ob es die angesprochenen positiven Zinsen je wieder gibt, das weiß niemand. Sie sind momentan nicht das Problem der Realwirtschaft. Vermutlich rechnet auch niemand mehr damit. Aber was ist das für eine seltsame Wendung? Statt Rendite einzustreichen soll „Mutter Natur“ belohnt werden?

Dann dreht Bockting richtig auf:

„Die Sparenden dürfen keinen positiven Leihzins mehr verlangen können, stattdessen sollten sie um Investoren werben und deren produktive Leistung mit einem Abschlag honorieren. Investitionen in die Zukunft eröffnen erst die gewünschten Sparmöglichkeiten, indem sie Werte in die Zukunft transferieren. Wenn Ersparnisse für produktive Zwecke genutzt und später zurückgezahlt werden, dann sollte diese Leistung belohnt werden: Ein Abschlag auf die geliehene Summe ist dann gerechtfertigt. Wenn alle Anleihen, die die öffentliche Hand für nachhaltige Zwecke aufnimmt, negativ verzinst werden, so profitieren davon nicht nur Mutter Natur, sondern auch die Sparer*innen und ihre Kinder und Enkelkinder.“

Beate Bockting: Mutter Natur belohnen

Wie erkläre ich mir diesen Abschnitt?

Die Vorstellung von den Sparenden meint offensichtlich nicht die üblichen Sparer*innen, die ihr Geld auf einem Sparbuch-Konto liegen haben (die werden erst am Ende des Absatzes als Ausnahme eingeführt). Gemeint sind Personen, die sich aktiv um Kreditnehmer*innen kümmern: die Investor*innen bezeichnet. Diese nutzen das Geld und werden dafür von den Geldgeber*innen mit einem „Abschlag“ belohnt. Statt beispielsweise 100.000 geliehener Euro würden nach einem Jahr nur 97.000 zurückverlangt, der Abschlag wären 3.000 €. Die Kreditgeber*innen würden einen Verlust in Kauf nehmen. Warum sollte sich darauf jemand einlassen?

Beate Bockting geht noch einen Schritt weiter: die öffentliche Hand soll das als Prinzip übernehmen. Bockting erklärt den Geldgeber*innen, dass alle Menschen (vermutlich durch Infrastruktur, Kliniken, Schulen, Kitas, …) sowie auch Umwelt und Natur (durch Aufforstung, Photovoltaikanlagen, Ladestationen für Elektroautos, …) in Zukunft davon profitieren.

Zusätzlich braucht es einen Negativzins, der anfällt, wenn Geld nicht investiert, sondern gehortet wird. Und der muss höher sein als der, der im Falle der Investition anfällt. Der Zinsabschlag auf gespartes Geld auf einem Konto wäre z. B. so verzinst: Bei 100.000 € hat man pro Jahr einen Abschlag von 6.000 €. Am Ende des Jahres sind statt 100.000 € nur noch 94.000 € da. (Im Vergleich zur Hortung konnte die Eigentümerin des Geldes 3000 € sparen).

Der Artikel hat m. E. keinen Bezug zum kapitalistischen Alltag (ganz unabhängig von den unrealistisch hoch angesetzten Negativzinsen). In einer Welt, in der das eigene Überleben davon abhängt, sich gegen andere durchzusetzen, ist die Vorstellung absurd, jemand investiere in die Zukunft der Allgemeinheit statt in seine. Soll der Negativzins die individuelle und die allgemeine Perspektive in Einklang bringen? Wenn das ohne die Ausschaltung der Konkurrenz erfolgen soll, gerade weil alle ihre privaten Interessen verfolgen, so ist das die klassische Idee des Liberalismus.

Zudem stellt sich die Frage, ob die massive Investition nicht Wirtschaft und Verbrauch heftig ankurbelt, was dem eigenen Nullwachstum-Anspruch widerspricht. Würden die Gewinne nicht hochschnellen und den angestrebten Negativzins zunichtemachen? Würde die öffentliche Hand auf dem Wege nicht völlig abgehängt, weil es zuletzt in der Wirtschaft doch Profite gibt?

Der Artikel scheint ziemlich wirr. Viele Texte der hier vertretenen ökonomischen „Schule“ verwirren. Es geht um die Freiwirtschaftstheorie Silvio Gesells. Die Texte der Anhänger*innen Gesells beginnen oft mit etwas Bekanntem und enden mit seltsamen Aussagen. Insofern bewegt sich Bockting in der Tradition der Gesellianer*innen. In der „Gastwirtschaft“ der FR kommen Freiwirtschafter*innen seit mindestens sieben Jahren vier- bis sechsmal im Jahr zu Wort.

Zinstheorie in der Frankfurter Rundschau

Die Rätselfrage lautet, warum die Vertreter*innen der Freiwirtschaft in der Frankfurter Rundschau so viel Platz bekommen. Aus meiner Sicht als Leser sollen in der Rubrik „Gastwirtschaft“ abweichende ökonomische Meinungen zu Wort kommen. Das Anliegen ist verständlich, da an den Unis zu 90 % die neoklassische bzw. neoliberale Theorie unterrichtet wird. Vermutlich hat deshalb die Wirtschaftsredaktion beschlossen, der sog. heterodoxen (= abweichenden) Ökonomie einen Raum zu geben. Dann hat jemand die Chance genutzt, dort auch die Gesell-Ideologie zu platzieren neben Bontrup, Wagenknecht, Gewerkschaftern, Vertreter*innen von Sozialverbänden oder attac, Kritiker*innen des profitorientierten Gesundheitswesens.

Für die Kolumne „Gastwirtschaft“ gilt: Die Autor*innen kommen immer von außerhalb, insofern schreiben sie Gastbeiträge. Die Spalte soll wohl eigentlich täglich erscheinen. Daraus ergibt sich, dass die Redaktion sicher ein Interesse an festen Kooperationsstrukturen und geregelten Abläufen hat. Es wird dann nicht mehr hinterfragt, was da steht, Hauptsache, es ist da.

2015 traten die Geldheiler*innen noch massiver auf: damals in der Person von Helmut Creutz (verstorben 2017). Nach 2015 kam Klaus Willemsen ein paar Mal zum Zug. Dabei wurde deutlich, dass die Freiwirtschafter*innen vom Wirtschaftsteil auf die Doppelseite „Meinung“ vorstießen.

Im Anschluss an Willemsen erbten Beate Bockting (INWO) sowie Andreas Bangemann (Zeitschrift „Humane Wirtschaft“) den Auftritt. Irgendwann habe ich die widersprüchlich-wirren Texte nicht mehr beachtet. Durch den Oster-Beitrag wurde ich wieder aufmerksam und schaute mir alte Artikel an. Hier ein kleines Potpourri dessen, worauf ich im Rahmen meiner Osterlektüre stoßen durfte. In ihnen wird zwar nicht die komplette Theorie der Zinskritik entfaltet, aber es werden doch einige zentrale Aspekte deutlich.

Klaus Willemsen spitzt 2015 das Anliegen der Freiwirtschaft in besonderer Weise zu:

„Währungen können hilfreiche Tauschmittel sein aber auch als Folterwerkzeuge und Waffen eingesetzt werden. (…) Lula da Silva, ehemals Arbeiterführer und Präsident Brasili­ens, hatte (…) bereits Mitte der 1980er Jahre präzise formuliert: ‚Der dritte Weltkrieg hat bereits begonnen – ein geräuschloser, aber deshalb nicht weniger unheilvoller Krieg. Seine schärfste Waffe ist der Zinssatz, und sie ist tödlicher als die Atombombe‘.“

Willemsen, „Ein internationaler Plan B, FR 20.10.2015

Darin scheint die spezielle Geldtheorie der Geldreformer*innen auf: Geld soll Tauschmittel sein. Eines muss allerdings sein: Eine Gesellschaft ohne Geld ist für Zinskritiker*innen nicht vorstellbar. Wird es gehortet, so kann man dafür Zinsen verlangen. Für den damaligen brasilianischen Arbeiterführer Lula wird der Zins zur Kriegswaffe. Das kommt Willemsen gut zupass. Nach Meinung der Zinskritik halten Geldbesitzer*innen das Geld knapp, wenn sie es nicht ausgeben. Der Umlauf sei jedoch für eine arbeitsteilige Gesellschaft unabdingbar. Da durch Halten des Geldes seine Funktion als Tauschmittel unterlaufen werde, müsse diese vor der vermögensbildenden Wirkung des Geldes geschützt werden.

Wie will die Freiwirtschaft dem Kapitalismus die negativen Wirkungen der Finanzwirtschaft und den Zins austreiben? Andreas Bangemann von der Humanwirtschaft schreibt dazu:

„Gemäß EZB laufen von der einen Billion Euro ausgegebenen Bargelds 850 Milliarden nicht um, sondern dienen der Wertaufbewahrung. Sie blockieren ein geordnetes Marktgeschehen. Geld als öffentliche Einrichtung wahrgenommen, mit dessen gleichmäßiger Nutzung als oberste Priorität, ist ein Zukunftsbild mit Veränderungskraft. Nutzen statt besitzen heißt die Devise. Die Umlaufsicherungsgebühr ist eine Lösung.“

Andreas Bangemann, Nutzen statt besitzen, FR 27.11.2015

Helmut Creutz hingegen verspricht die Rettung vor einem Kollaps (so der Titel seines Beitrages in der Gastwirtschaft). Worin besteht der Kollaps? Wie will uns Freiwirtschaft vor dem Kollaps retten?

„Erst ein ‚Negativzins auf die Bargeldhaltung‘, also eine Umlaufsicherungsgebühr auf das Geld in der Wirtschaft, kann den Kreislauf nachhaltig machen.“

Helmut Creutz, „Rettung vor dem Kollaps, FR 19.01.2015

Lange Zeit war Helmut Creutz der Nestor der Bewegung und Vielschreiber auch in der FR. Hier ein Ausschnitt aus „EZB – Geld drucken (FR 15.04.2015):

„Für die Mehrheit der Haushalte, die all diese Zins-Kosten mit ihren Ausgaben tragen müssen, ist es (so): Sie sind – solange Zinsen gezahlt werden – immer die Verlierer, auch wenn sie sich noch so sehr über die paar Zinsen auf ihrem Sparbuch freuen.“

Helmut Creutz: „EZB – Geld drucken, FR 15.04.2015

Das ist die zinskritische Variante der liberalen Theorie: Die Konsumentin sei die zentrale Wirtschaftsakteurin. Das beinhaltet eine Verschiebung: Es geht weg von der Frage, wie sich für die Ware Arbeitskraft die Entlohnung ergibt, und geht hin zu der Frage, warum die Lebenshaltungskosten so hoch sind. Dazu schreiben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung:

Im Verhältnis des Lohns zu den Preisen erst drückt sich aus, was den Arbeitern vorenthalten wird. Mit ihrem Lohn nahmen sie zugleich das Prinzip der Entlohnung an. Der Kaufmann präsentiert ihnen den Wechsel, den sie dem Fabrikanten unterschrieben haben. Jener ist der Gerichtsvollzieher fürs ganze System und nimmt das Odium für die andern auf sich. Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein.

Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung (1944, 1971): 156

Und in der Zirkulationssphäre bewegt sich auch Creutz („Niedrigzinsen -Zinsen zahlen wir ständig, FR 01.06.2015), wenn er meint, der Zins verteuere jedes Alltagsprodukt. Deshalb befürwortete er Null- oder Niedrigzinsen. Er sagt,

„dass sämtliche Zinsen in einer Wirtschaft, bevor sie zur Verteilung kommen, zu­erst einmal gezahlt werden müssen. (…) Alle Bürger – ob verschuldet oder nicht – zahlen mit jeder Geldausgabe auch alle in der Wirtschaft anfallenden Zinsen.“

Helmut Creutz: Niedrigzinsen -Zinsen zahlen wir ständig

Dass sämtliche Waren, bevor sie verkauft werden können, zunächst einmal produziert werden müssen, stört Creutz nicht. Die Frage, ob bereits in der Sphäre der Produktion etwas im Argen liegen könnte, bleibt außerhalb seines Blickwinkels. In einem Plädoyer für eine Geldhaltungsgebühr fasst Creutz („Taler, Taler, du musst wandern, FR 22.07.2015) seine Ideen zusammen: Der Sturm auf die Bankschalter in Griechenland im Sommer 2015 mache deutlich, dass nur Bargeld Geld sei und weil dieses Geld der Schlüssel zu allen Marktvorgängen sei, würde dessen Überlassung mit Zinsen belohnt – Zinsen, die als Gewinn für die Verleiher*innen und als Belastung der Gesamt-Wirtschaft zu Buche schlagen. Damit würde aufgrund des Zinseszins‘ die Masse der Geldvermögen und Schulden laufend vermehrt. Das ist der Kern der freiwirtschaftlichen Zinskritik von Silvio Gesell. Nadja Rakowitz macht in einem Vortrag deutlich, wie sich Zinsen und Zinskritik im Mittelalter von der im Kapitalismus unterscheiden.

Die Zinskritik von Creutz verkürzt das Menschenbild der kapitalistischen Gesellschaft darauf, dass der homo oeconomicus aus seinem Geld Profit schlagen will. Warum die Menschen ihre sozialen Beziehungen über Geld herstellen müssen, blendet er aus.

„Diese Vorgänge führen zu einer Konzentration bei dem bereits reichsten Zehntel der Haushalte, was, in immer kürzeren Zeitabständen, an den Verdoppelungen der Milliardäre in der Welt abzulesen ist.“ ()

Creutz, in: Taler, Taler, du musst wandern

„Diese Vorgänge“ meint den Zinseszins, den Gesell und die heutigen Vertreter*innen der natürlichen Wirtschaftsordnung als Ursache anführen. Die Texte der Anhänger*innen der Gesellianer*innen nehmen etwas Bekanntes auf und deuten das völlig abwegig. Hier ist es die Vermögenskonzentration, die er nicht als Folgewirkung der kapitalistischen Produktionsweise erkennt. Stattdessen macht er daraus die Folge der habgierigen Geldhaltung. Das machen Rentiers, die von ihrem Kapital leben so, um „für eine möglichst geringe Leistung eine möglichst große Gegenleistung herauszuholen“ (Silvio Gesell, zitiert nach Rakowitz (2000): Religion des Vulgären). Profite können in dieser Vorstellungswelt nur aus Betrug entstehen. Der Begriff der Ausbeutung im Marxschen Sinne – Mehrwertproduktion und -aneignung – wird negiert bzw. umgedeutet.

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