Zahlen - die Götter des kapitalistischen Wissenschaftsbetriebs.

Wie wird Wirtschaftswachstum gemessen?

Reihe Zahlenfetisch

In der politischen Diskussion spielen Zahlen eine große Rolle. Sie helfen uns, bestimmte Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen. Allerdings leisten sie dies nur, wenn wir uns klar machen, für welche Aussagen wir sie heranziehen können und für welche nicht. In dieser Textreihe wollen wir verschiedene Indizes auf ihre Ursprünge und Grenzen hin untersuchen.

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist ein Versuch, die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft zu quantifizieren, d. h. in Zahlen auszudrücken. Ein Versuch, dies durch die Darstellung der produzierten Gebrauchswert-Reichtümer zu erreichen, wäre jedoch zum scheitern verurteilt. Denn der Gebrauchswert der hergestellten Dinge verändert sich für gewöhnlich in sehr schnellen Rhythmen, so dass ein heute produziertes Automobil kaum mit den 1950 hergestellten Modellen verglichen werden kann. Es muss also ein Maßstab für die Abstraktion von den konkreten Gebrauchswerten gefunden werden – und den findet die moderne Wirtschaftswissenschaft im Geld. Im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung soll daher ein Überblick über die Produktionsmenge einer Gesellschaft in Geld hergestellt werden. Eine Steigerung des in der Rechnung ausgewiesenen Betrags verweist auf ein Wirtschaftswachstum, eine Senkung auf eine Schrumpfung der Wirtschaft.

Geschichte der Messung des Wirtschaftswachstums

Die heute gängige Form der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) ist das Bruttoinlandsprodukt. Es bemisst, vereinfacht gesagt, „den Gesamtwert aller Güter, Waren und Dienstleistungen […], die während eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden“ (Wikipedia).

Erste Versuche in dieser Richtung hatte bereits William Petty (1623-1687) vorgelegt. Da sich England zu dieser Zeit gerade im Krieg mit Frankreich und den Niederlanden befand, versuchte der ausgebildete Mediziner aufzuzeigen, dass England durchaus in der Lage sei, die nötigen Mittel für so eine Auseinandersetzung aufzubringen.

Auch in Frankreich wurden kurz darauf ähnliche Modelle vorgelegt, u.a. von dem Arzt François Quesnay. Das es sich sowohl bei Petty als auch bei Quesnay um Mediziner handelte, ist dabei kein Zufall. Denn die Anregung zur Aufstellung von Kreislaufmodellen der Wirtschaft verdankt etwa Quesnay den gewonnenen Erkenntnissen über den menschlichen Blutkreislauf. Auf diese Weise wurden Erkenntnisse über die Funktionsweise der menschlichen Natur auf ökonomische und soziale Prozesse übertragen, die Ökonomie und Gesellschaft damit wie ein naturhafter Prozess verstanden.

Es gab noch eine Reihe weiterer Hinweise auf die Möglichkeit einer VGR, tatsächlich handlungsrelevant wurde sie aber erst im Vorfeld des 2. Weltkrieges. Hier wurde sie als Bruttosozialprodukt erstmals flächendeckend verwirklicht. Um dies zu erreichen, folgt auch dieses Konzept dem bekannten Vorgehen, abstraktifizierende Maßzahlen zu entwickeln, um die Dynamik eines verselbständigten Systems begreif- und fassbar zu machen.

Das Bruttosozialprodukt (BSP) misst alle von den Mitgliedern einer Volkswirtschaft hergestellten Güter und Dienstleistungen. Es wurde in den 1990er Jahren ersetzt durch das noch heute gängige Bruttoinlandsprodukt (BIP). Dieses misst die Güter und Dienstleistungen, die innerhalb einer Volkswirtschaft hergestellt werden – unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit der Produzent*innen. Es unterscheidet sich also vom BSP dadurch, dass die Produkte der im Inland lebenden Ausländer*innen hinzuaddiert und die der im Ausland lebenden Inländer*innen abgezogen werden.

Am Beispiel des BIP lässt sich nun sehr gut zeigen, welche blinden Flecken ein solches Vorgehen produziert und wie damit systematisch bestimmte Aspekte der kapitalistischen Wirklichkeit ausgeblendet werden.

Auch Zerstörung steigert das Wachstum

Da das BIP im Wesentlichen aus einer Addition der gesamtgesellschaftlich geflossenen Geldgrößen besteht, fließt hier entsprechend alles ein, für was Geld bezahlt wird. Egal ob Schokoladentörtchen oder Streubomben hergestellt werden – es erhöht das BIP. Dass Deutschland nach wie vor zu den erfolgreichsten Waffenexporteur*innen der Welt zählt, macht sich hier als Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen Leistungsbilanz bemerkbar. Im Kleinen gilt dasselbe. Wer etwa mit seinem Auto gegen einen Baum heizt, kurbelt auf vielfältige Weise das BIP an. Da ist der Abschleppdienst, der den Wagen in die Werkstatt fährt; da ist der Krankenwagen, der das Unfallopfer ins Krankenhaus bringt; da sind die KfZ-Mechaniker*innen, die sich flux an die Reparatur des Autos machen; da sind die Ärzt*innen und die Krankenbrüder und -schwestern, die die Fahrer*in wieder zusammenflicken. Die Polizei kommt vorbei und nimmt den Schaden auf, in einem Versicherungsbüro wird der Computer angeschmissen und die finanzielle Abwicklung des Vorfalls betreut. Sollte die Behandlung nicht erfolgreich genug sein, muss ein Sarg beschafft und die Beerdigung samt Blumenkranz und Leichenschmaus organisiert werden. Alles das erhöht das Bruttoinlandsprodukt. Ein wahres Glück für die Menschheit!

Es tragen also einige Handlungen zur Erhöhung des BIP bei, in deren Folge es den Menschen nicht besser, sondern schlechter geht. Nach dem Einsatz moderner Waffentechnik wird mit Autos und Häusern auch die Möglichkeit zerstört, mit diesen zu fahren bzw. in ihnen zu wohnen – von den verlorenen Menschenleben ganz zu schweigen. Was die ökonomische Wertproduktion auf neue Höhen hebt, kann gleichzeitig die zur Verfügung stehenden nützlichen Dinge reduzieren. Auf der anderen Seite gibt eine ganze Reihe von überaus nützlichen Tätigkeiten, die – weil sie nicht durch das Nadelöhr von Ware – Geld – Beziehungen gezwängt werden, nicht in der Messung der Reichtums auftauchen. So gehen etwa Haushaltstätigkeiten nicht in die Berechnung des BIP ein. Egal ob daheim Essen gekocht, das Auto gewaschen, mit Kindern gespielt, Witze erzählt oder Haare gewaschen werden – es findet einfach statt und kann auf diese Weise ökonomisch nicht gemessen werden. Dasselbe gilt auch für Subsistenztätigkeiten: Wer im Schrebergarten Karotten und Birnen erntet, mag sie daheim genussvoll verzehren, trägt aber nicht zum Wirtschaftswachstum bei.

Care-Tätigkeiten lassen sich nicht erfassen

Es gibt daher immer wieder Versuche, auch diese sog. ,Reproduktionstätigkeiten‛ zu erfassen. Diese Versuche übersehen, dass dieser Mangel des BIP kein technischer Verfahrungsmangel, sondern eine Folge der gesellschaftlichen Verfasstheit ist. Gerade weil im Kapitalismus nur das gesellschaftlich nur anerkannt wird, was sich verkaufen lässt, fällt der ,Rest‛ nur allzu leicht hinten runter. Und bereits die kurze Aufzählung aus dem vorherigen Absatz macht deutlich, dass die Sache so einfach nicht ist. Denn gerade Tätigkeiten wie Kindererziehung oder Pflege gehen nicht im rationalen Zeitmanagement auf, das ja gerade für die kapitalistische Produktion kennzeichnend ist. Soll hier ein gesellschaftlicher Durchschnittswert berücksichtigt werden und falls ja, wie wäre dieser zu berechnen? Darüber hinaus ist völlig unklar, welche Tätigkeiten denn nun überhaupt gezählt werden sollten und welche nicht. Oftmals wird hier auf die Motivation der Tätigkeit abgehoben: wird eine Tätigkeit ausgeübt, weil ein nützliches Produkt hergestellt werden soll, dann soll sie berücksichtigt werden; wird sie aber getätigt, weil die Tätigkeit selber Freude bereitet, wird sie nicht mitgezählt. Damit soll dann die Notwendigkeit des Kloputzens vom nachmittäglichen Spaziergang getrennt werden. Doch was ist, wenn Menschen beispielsweise gerne Kochen? Mit der spielerischen Dimension einer zweifellos notwendigen Kindererziehung ist es ganz ähnlich. Es wird sich kaum angeben lassen, inwieweit hier Liebe, Freundschaft, Spiel und Arbeit vermischt sind. Und eine Gesellschaft, die solche Zahlen systematisch erheben würde, hätte mit Freiheit nicht viel zu tun.

Würden derartige Vorhaben tatsächlich konsequent umgesetzt, käme es zwar möglicherweise zu einer vollständigen statistischen Erfassung der Reproduktionssphäre, aber gleichsam zu einer völligen Bürokratisierung des Alltagslebens gleich, in der sämtliche Lebensregungen statistisch erfasst und ausgewertet werden.

Naturzerstörung und Wirtschaftswachstum

Ein weiterer Bereich, der in der Berechnung des BIP ignoriert wird, sind der Verbrauch und die Zerstörung von Naturressourcen. Diese tauchen nämlich nicht als Minderung des gesellschaftlichen Reichtums auf. Dass Menschen nicht mehr im Wald spazieren gehen können, weil dieser einer Autobahn weichen musste, wird nicht erfasst; ebenso wie ganz grundsätzlich der Wohlstandsbeitrag der Freizeit nicht quantifizierbar ist. Wenn Menschen einfach nur das Leben genießen und glücklich sind, dann ist das kein relevanter Aspekt für das kapitalistische Wohlstandsmaß. Kein Wunder, schließlich geht es im Kapitalismus um Mehrung von Kapital – und nicht um Spaß an der Freude.

Die Liste ließe sich noch um einiges erweitern. So geht aus einem Wachstum des BIP etwa nicht hervor, wie dieses Wachstum verteilt ist. Wenn einige wenige Menschen zwar viel gewinnen, die breite Masse aber verliert und in Hunger und Armut abrutscht – dann stellt sich das möglicherweise als Wachstum des gesamtgesellschaftlichen Reichtums dar. Und auch hier gilt: aus der Perspektive der kapitalistischen Logik geht das schon in Ordnung, denn die kümmert sich weder um humanitäre noch um sonstige Kollateralschäden. Über das Leben der Menschen wird damit allerdings trotzdem nur sehr begrenzt etwas ausgesagt.

Die hier benannten Punkte sind übrigens keineswegs neu. Sie werden immer wieder in verschiedenen Kritiken an der Messung des Bruttoinlandsprodukts genannt. Doch zumeist kranken diese Kritiken daran, das sie Ursache und Wirkung verwechseln. Auf diesen Zusammenhang hat bereits Norbert Trenkle verwiesen, weshalb er hier abschließend etwas länger zitiert sei:

Das Grundproblem aller dieser Ansätze besteht jedoch darin, dass sie genau am falschen Ende ansetzen. Implizit oder explizit unterstellen sie, dass die Verengung des gesellschaftlichen Reichtums auf Geldeinkommen wesentlich auf einen falschen statistischen Maßstab zurückzuführen ist, an dem sich Politik und Gesellschaft orientieren. Die Gesellschaft ist demnach einerseits reicher, als sie es selbst weiß, weil sie allerlei Wohlstands-Faktoren im BIP nicht berücksichtigt, und andererseits ärmer, als sie es sich vor­gaukelt, weil sie die diversen Schäden und Negativeffekte der modernen Produktionsweise ausblendet. Mit einem neuen Indikator, der alle diese Elemente adäquat berücksichtigt, soll dann die Orientierungsmarke für eine Politik geschaffen werden, die einer erweiterten Vorstellung von gesell­schaftlichem Wohlstand folgt.5 Diese Kritik am BIP steht jedoch auf dem Kopf. Wenn seit dem Aufkommen der kapitalistischen Produktionsweise als gesellschaftlicher Reichtum nur gilt, was sich monetär ausdrücken lässt, dann liegt das nicht an einer falschen Vorstellung von Wohlstand, die sich in einem verengten statistischen Indikator ausdrückt und an der sich die Politik orientieren würde, sondern an der zugrundeliegenden historisch-spezifischen Form der Reichtumsproduktion. Das BIP ist als Maßstab dieser Form insofern durchaus adäquat, als es den reduktionistischen Charakter dieser Form der Reichtumsproduktion in gewisser Weise (wenn auch ver­zerrt) widerspiegelt. Diesen Maßstab zu kritisieren ist so, als würde man den Überbringer der schlechten Nachricht für deren Inhalt verantwortlich machen. Erforderlich ist kein neuer Maßstab für den gesellschaftlichen Reichtum, sondern eine Aufhebung der Reichtumsform, die diesen Maß­stab hervorgebracht hat und die sich in ihm ausdrückt.

Norbert Trenkle: Verdrängte Kosten, S. 58 (in: Trenkle/ Lohoff: Shutdown)

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