Jetzt ist chillen angesagt. Antikapitalistische Praxis ist derzeit nicht nur bei Katzen angesagt Foto: Pxhere

China im Müßiggang

Im europäischen Diskurs gelten die ökonomischen Erfolge der chinesischen Volkswirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten als wichtiger Beleg dafür , dass der Kapitalismus noch lange nicht am Ende ist, sondern in Form eines stärker staatsorientierten Akkumulationsregimes durchaus noch seine Bewegungsspielräume hat. Es kann also weitergehen, so die frohe Botschaft.

Ein ausgeprägter chinesischer Arbeitsethos und eine sehr umfassende etatistische Regulierung gelten dabei als Grundlage der chinesischen Aufstiegsambitionen. Dabei ist die Sache nicht ganz so einfach. Denn insbesondere in der Generation junger Chines*innen ist der Aufstiegs- und Fortschrittsmythos durchaus umstritten. Die Dinge wandeln sich. So berichtete Elsie Chan in der New York Times:

A generation ago, the route to success in China was to work hard […] The country’s authoritarianism was seen as a fair trade-off as millions were lifted out of poverty. But with employees working longer hours and housing prices rising faster than incomes, many young Chinese fear they will be the first generation not to do better than their parents.


Elsie Chan: These Chinese Millennials Are ‘Chilling,’ and Beijing Isn’t Happy

Dieses Gefühl, dass Arbeit als Selbstzweck funktioniert und darin nicht der Weisheit letzter Schluss liegen kann, ergreift nicht unerhebliche Teile einer Generation. Und die drückt das, wie es sich gehört, in Memes aus. Elsie Chan berichtet von Mr. Luo, der damit einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte:

“I have been chilling,” Mr. Luo, 31, wrote in a blog post in April, describing his way of life. “I don’t feel like there’s anything wrong.” He titled his post “Lying Flat Is Justice,” attaching a photo of himself lying on his bed in a dark room with the curtains drawn. Before long, the post was being celebrated by Chinese millennials as an anti-consumerist manifesto. “Lying flat” went viral and has since become a broader statement about Chinese society. […]

“After working for so long, I just felt numb, like a machine,” Mr. Luo said in an interview. “And so I resigned.”

Elsie Chan: These Chinese Millennials Are ‘Chilling,’ and Beijing Isn’t Happy

Die Begeisterung, mit der Mr. Luo seiner arbeitskritischen Praxis Ausdruck verleiht, stößt bei den chinesischen Behörden allerdings auf deutlich weniger Begeisterung als bei seinen Altersgenoss*innen.

Mr. Luo’s blog post was removed by censors, who saw it as an affront to Beijing’s economic ambitions. Mentions of “lying flat” — tangping, as it’s known in Mandarin — are heavily restricted on the Chinese internet. An official counternarrative has also emerged, encouraging young people to work hard for the sake of the country’s future. […]

In May, China’s internet regulator ordered online platforms to “strictly restrict” new posts on tangping […]. A second directive required e-commerce platforms to stop selling clothes, phone cases and other merchandise branded with “tangping.”

The state news media has called tangping “shameful,” and a newspaper warned against “lying flat before getting rich.” Yu Minhong, a prominent billionaire, urged young people not to lie down, because “otherwise who can we rely on for the future of our country?”

Elsie Chan: These Chinese Millennials Are ‘Chilling,’ and Beijing Isn’t Happy

Und tatsächlich: Die Formulierung „to ly flat“ ist ihrerseits eine Kampfansage an den von der Kommunistischen Partei ausgegebenen way of life. Sie erinnert ein wenig an einen alten Aphorismus des deutschen Sozialphilosophen Theodor W. Adorno, in dem dieser eine frühe Kritik am Produktions- und Arbeitsfetischismus der kapitalistischen Gesellschaft vorgelegt hat. In dem Sur l’eau (auf dem Wasser liegen) betitelten Aphorismus beschreibt Adorno die dem Kapitalismus zugehörige Arbeitsbegeisterung als „blinde Wut des Machens“. Der Drang zu einer stetigen Erweiterung alles vorhandenen, so legt der Autor nahe, sei selber eine Folge des kapitalistischen Wachstums- und Quantifizierungszwanges.

Denkt man die emanzipierte Gesellschaft als Emanzipation gerade von solcher Totalität, dann werden Fluchtlinien sichtbar, die mit der Steigerung der Produktion und ihren menschlichen Spiegelungen wenig gemein haben. Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und läßt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten.
Genuß selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann.
Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozeß, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.

Theodor W. Adorno: Sur l’eau

Ganz in diesem Sinne steht auch lying flat für eine oppositionelles Programm, das mit den Selbstverständlichkeit einer auf ewiges Wachstum programmierten Ökonomie bricht.

To lie flat means to forgo marriage, not have children, stay unemployed and eschew material wants such as a house or a car. It is the opposite of what China’s leaders have asked of their people.

Elsie Chan: These Chinese Millennials Are ‘Chilling,’ and Beijing Isn’t Happy

Und Mr. Luo ist nicht der einzige, dem das ewige „arbeiten um zu arbeiten“ nicht so richtig zielführend vorkommt. Ein anderes Beispiel von dem Alsie Chan in ihrem lesenswerten Artikel in der New York Times berichtet, i ist Mr. Zhang, der seine Ethik des Müßiggangs in ein Musikstück transformiert und dies bei Youtube hochgeladen hat. In China ist es freilich nicht zugänglich. Vielleicht ja ein Grund mehr, es anzuklicken. Allen, deren Mandarin gerade etwas eingerostet ist, mögen diese Zeilen von Elsie Chan als Hinweis darauf dienen, worin es in dem Lied geht:

The video shows him lying down on his sofa, casually strumming his guitar as he sings in a breezy voice:

Lying down is really good
Lying down is wonderful
Lying down is the right thing to do
Lie down so you won’t fall anymore
Lying down means never falling down.

Elsie Chan: These Chinese Millennials Are ‘Chilling,’ and Beijing Isn’t Happy

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