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Arbeit für alle (3): Das Lob der Maschine

Im vielleicht größten linken Wirtschaftspodcast sprechen die beiden Influencer Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen über die Frage, ob der Gesellschaft durch verbesserte Produktivität die Arbeit ausgeht. Dabei fällt auf, dass zentrale Teile des kapitalistischen Reichtumsbegriffs bei ihnen unterbeleuchtet bleiben.

Wer den Beitrag noch nicht kennt, kann ihn hier nachhören bzw. ansehen:

Zum Ende ihrer Darstellung diskutieren die beiden eine prominente These aus der undogmatischen Kapitalismuskritik, nach der die Produktivkraftsteigerung innerhalb des Kaptialismus die Möglichkeit seiner Überwindung beinhalten würde. Wir finden diese Position nicht nur bei dem von ihnen zitierten Paul Lafargue, sondern bereits bei Karl Marx und neueren Interpretationen der marxschen Theorie wie der von Moishe Postone.

Lafargue sieht in der technischen Entwicklung ein Potential: Wenn Maschinerie immer mehr zur Produktivität beiträgt, dann wird ein Gesellschaftsmodell obsolet, in dem Arbeit den zentralen Verteilungsmechanismus darstellt. Für ihn ist sie ein „Befreiungsinstrument“, das erst unter kapitalistischen Bedingungen „in ein Instrument zur Knechtung freier Menschen umgewandelt“ wird.

Das zentrale Argument, dass Schmitt hierzu vorträgt, ist die Empirie: bis heute sei nichts aus der Befreiung von der Arbeit durch die Maschine geworden. Alle Behauptungen, der Gesellschaft würde die Erwerbsarbeit ausgehen, seien widerlegt. (Min 11:20) Dabei übersehen die beiden geflissentlich, dass Lafargue genau diesen Aspekt thematisiert und in das Zentrum seiner Argumentation rückt. Gerade weil er keine Moralkritik, sondern eine des Kapitalismus formuliert, benennt er (wie hier ausgeführt) das Problem, dass die befreienden Potentiale des Kapitalismus erst mit der Überwindung des Kapitalverhältnisses für die Menschen nutzbar werden.

Das wusste übrigens auch schon Marx, auf den die beiden sich ständig positiv beziehen. Der hat bereits 1959 im berüchtigten Maschinenfragment am Ende der Grundrisse zur Kritik der Politischen Ökonomie darauf hinwiesen, dass die zunehmende Produktivkraftsteigerung die gesellschaftliche Organisation über die Arbeit insofern infragestellt als die gesellschaftlichen Reichtümer sich immer weniger in ökonomischen Kategortien darstellen lassen. Diese Situation haben wir heute. Damit die Potentiale allerdings handlungsrelevant für die Menschen werden können, müssen sie die kapitalistische Form abstreifen und in eine Gesellschaft der verallgemeinerten Selbstorganisation übergehen. Das ist für Schmitt und Nymoen allem Anschein nach aber undenkbar (an anderer Stelle formulieren sie das auch explizit), sodass ihnen die Unmöglichkeit der Emanzipation im Kapitalismus als Unmöglichkeit der Emanzipation überhaupt erscheint.

Marx verweist demgegenüber auf die Möglichkeiten, die sich nach dem Ende der Herrschaft des Kapitals für die Menschen in Bezug auf die Arbeit(szeit) ergeben. Hier entstünde erstmals wirklich die Möglichkeit, dass die Menschen die technischen Möglichkeiten souverän dem eigenen kollektiven Willen unterordnen und sie nach selbstgesetzten Kriterien anwenden – und nicht nur nach denen der „Vernunft“ und der „Sinnhaftigkeit“ einer kapitalistischen Rationalität. Möglich, so Marx, wäre plötzlich etwas ganz anders, nämlich

Die freie Entwicklung der Individualitäten und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit, um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht.

Karl Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie (PDF)

Das ausblenden dieses Zusammenhangs lässt dann die Kritik an Keynes auch ein wenig schräg daherkommen, wenn an dem britischen Liberalen gerade die einzig weiterführende Erkenntnis kritisiert wird – dass eine Welt (wenn schon nicht ohne dann doch) mit deutlich weniger Arbeit möglich wäre. Dass laut Keynes drei Stunden Lohnarbeit in der Woche ausreichen würden, um die materielle Reproduktion der Gesellschaft zu gewährleisten, ist für Nymoen eine „wunderbare Vorstellung“. (16:45 Min)

Allerdings sei die nicht besonders realistisch, denn bislang habe sich immer gezeigt, dass die Menschen weiterhin zunehmend in die Erwerbsarbeit verstrickt sind – trotz aller Produktivitätsgewinne. Dabei verbleibt die Argumentation freilich auf der gesellschaftlichen Ebene. Ob die Produktivität vielleicht tatsächlich in der Lage ist, mit drei Stunden konzentrierter Tätigkeit die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, wird von ihnen gar nicht untersucht. Sie stellen schlicht fest das der Kapitalismus es bislang geschafft hat, Hilfs- und Ersatztätigkeiten in Lohnarbeit zu verwandeln. 

Die Argumentation zeichnet sich somit im Kern dadurch aus, dass die kritische Differenz zwischen sinnlich-stofflicher und abstrakt-gesellschaftlicher Ebene, die Marx im Kapital einführt, ignoriert wird. Stattdessen wird ein bisschen auf „die da oben“ geschimpft und die liberale Erzählung von den vielen, tollen neuen Jobs unkritisch nachgeplappert. 

Auch Lafargue wusste, dass es nicht die Maschinen sein werden, die uns von der Mühsal der Arbeit befreien werden (was ihm Nymoen bei Min 29:00 in den Mund legt). Überhaupt werden die Potentiale der Produktivitätsentwicklung nicht kritisch in Bezug auf die gesellschaftlichen Zwänge diskutiert. Denn diese werden lediglich mit den Ausbeutungsinteressen der Kapitalist:innen identifiziert. Die gibt es zwar auch, nur sind die bei Weitem noch nicht das ganze Grauen. Belesene Kapitalismuskritiker:innen sollten das eigentlich wissen.


Arbeit für alle (1): Lafargue bei „Wohlstand für alle“

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