Umweltzerstörung ist nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern auch für die Menschen. Quelle: Pixabay

Waldrodungen begünstigen Zoonosen

Serge Morand von der Université de Montpellier und Claire Lajaunie von der Universität Aix-Marseille haben eine Studie zum Zusammenhang von Entwaldung, Monokulturen und der Auslösung der Krankheitsübertragungen von Tieren auf Menschen (Zoonosen) veröffentlicht. Das Ergebnis ist eindeutig: Nicht nur die Entwaldung, sondern auch die Wiederaufforstung in Monokulturen erhöht die Gefahr von Zoonosen.

Hier der Direktlink zur Studie.

Das Wissenschaftsmagazin Spektrum fasst zusammen:

Die Studie umfasste eine Reihe von Krankheiten und Regionen. Doch zeigte sich ein klares Bild: In Tropen mehrten sich Ausbrüche in Gebieten, in denen Abholzung stark voranschritt und Wälder durch Plantagen oder Minen ersetzt wurden. Außerhalb der Tropen stieg dagegen die Zahl der Zoonosen, wenn artenarm aufgeforstet wurde, also Holzplantagen entstanden.

Daniel Lingenhöhl: Wenn der Wald geht, kommen die Seuchen (spektrum.de)

Der verstärkte Zugriff der kapitalistischen Produktionsweise auf die bislang noch nicht von ihm bespielten Waldflächen erhöht also die Gefahren, dass sich Pandemien wie Covid-19 wiederholen. Doch worin genau liegt der Grund dafür? 

Im Gegensatz zu artenreichen Wäldern, in denen Fressfeinde andere Arten in Zaum halten, fehlen diese in Monokulturen. Stattdessen können sich wenige Arten mangels natürlicher Gegner massenhaft ausbreiten. Oft handelt es sich dabei um Nagetiere, die bekannte Reservoirs für Pathogene wie zum Beispiel Hantaviren sind. Oft finden sich in diesen überformten Gebieten zudem kleine Wasserstellen, in denen sich Mücken unkontrolliert vermehren können. Das zeigt sich beispielsweise in Brasilien, wo Malaria verstärkt an Entwaldungsfronten auftritt. Für Südostasien ergaben Studien, dass die als Vektor für verschiedene Krankheiten verantwortliche Moskitoart Anopheles darlingi ebenfalls in Rodungsgebieten häufiger vorkommt.

In den gemäßigten Breiten ist ein ähnlicher Zusammenhang beobachtbar: Einfache, aber intensiv genutzte Forste begünstigen ebenfalls wenig spezialisierte Tiere, während Raubtiere fehlen. Das fördere die Übertragung von Krankheitserregern wie Hantaviren durch Mäuse oder Borrelien durch Zecken.

Daniel Lingenhöhl: Wenn der Wald geht, kommen die Seuchen (spektrum.de)

Obwohl die konkreten Abläufe sich in unterschiedlichen Teilen der Welt jeweils unterscheiden, können wir doch eine allgemeine Tendenz erkennen: Die Zurichtung der Wälder als Gegenstand des kapitalistischen Naturmanagements führt zu Monokulturen. Diese haben bestimmte Vorteile, zeichnen sich aber auch über eine größere Instabilität aus, als nicht wirtschaftlich genutzte Wälder. 

Das klassische Beispiel dafür aus unseren Breiten ist die Übertragung von Lyme-Borreliose durch Zecken:

Wissenschafter gehen davon aus, dass rund 30 Prozent der Infektionskrankheiten auf Landnutzungsänderungen wie die Abholzung von Regenwald zurückgehen. Das Lehrbuchbeispiel einer durch Waldzerstörung befeuerten Infektionskrankheit ist die Lyme-Borreliose. Wie Wissenschafter zeigen konnten, war es die Abholzung und Fragmentierung von Wäldern an der US-Ostküste, die dazu führte, dass sich kleine Nagetiere mangels Fressfeinden verstärkt ausbreiten konnten. Diese fungierten als Wirte der Lyme-Erreger, die über Zecken auf Menschen übertragen werden. Die Folge: Die Lyme-Borreliose nahm infolge der Abholzung zu.  

Tanja Traxler: Wie die Abholzung zu Infektionen führt (derstandard.de)

Das klassische Beispiel für den Globalen Süden ist die Malaria-Übertragung durch Mücken etwa in Lateinamerika. Dazu finden wir etwas genauere Beschreibungen in einer Studie von Sarah Olson von der University of Wisconsin-Madison und ihre Kolleg*innen. Laut ihren Berechnungen erhöht sich das Risiko der lokalen Bevölkerung, sich an Malaria zu infizieren, mit der lokalen Abholzung des Waldes um etwa 50%:

Ein Zusammenhang zwischen der Umweltzerstörung und der verstärkten Ausbreitung von Krankheiten war bereits mehrfach vermutet worden, doch fehlten bislang meist konkrete Studien. Olsons Team hat daher die Malariafallzahlen von 54 brasilianischen Distrikten an der Grenze zu Peru mit dem Ausmaß der Abholzung in den jeweiligen Verwaltungseinheiten verglichen. Selbst nachdem die Wissenschaftler Faktoren wie Bevölkerungsdichte oder Zugang zu medizinischer Versorgung berücksichtigt hatten, blieb ein wesentlicher Zusammenhang bestehen: Je lückenhafter der Baumbestand eines Gebiets wegen der Entwaldung war, desto größer war die Gefahr, an Malaria zu erkranken – bereits eine vierprozentige Abnahme der Regenwaldfläche erhöhte die Fallzahlen um 48 Prozent.
Mehrere Gründe spielen für diese Zunahme eine Rolle: Im geschlossenen Regenwald unterliegt die in der Region heimische, Malaria übertragende Anopheles darlingi im Konkurrenzkampf mit anderen Mückenarten, die für die Übertragung der Seuche praktisch keine Rolle spielen. Erst die Auflichtung verschafft ihr einen ökologischen Vorteil, weil sie nun Zugang bekommt zu sonnenbeschienenen, warmen Tümpeln, die ihre Brut zum Aufwachsen benötigt. Vielfach entstehen diese Kleingewässer erst, wenn schweres Gerät – etwa Bulldozer – tiefe Fahrspuren hinterlässt und den Boden dabei verdichtet. Gleichzeitig schwindet die Artenvielfalt und damit die Zahl an potenziellen Fressfeinden und Mitbewerbern von Anopheles darlingi, die diese zuvor in Schach gehalten hatten. „Die Entwaldung ist eine der wichtigsten ökologischen Faktoren, die eine Malariaepidemie auslösen können“, folgert Olson.

Abholzung fördert Malaria (spektrum.de)

Diese ganzen Hinweise sind übrigens nicht so neu. Die eben zitierte Studie zu Malaria-Übertragungen ist von 2010. Ihre Berücksichtigung würde von der Politik allerdings verlangen, sich mit dem Primat der Kapitalverwertung anzulegen. Denn wenn die Menschen ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten immer weiter räumlich ausdehnen, dann liegt das ja nicht zuletzt daran, dass ihr Überleben im Kapitalismus an den erfolgreichen Verkauf von Waren gebunden ist. 

Daran ändert sich auch nichts, wenn vermehrt sogar liberalen Zeitungen auffällt, dass da etwas im Argen liegt. So berichtet der österreichische Standard bereits 2020 über diese Zusammenhänge:

„Auf den ersten Blick hat das Abholzen von Regenwäldern nicht viel mit Infektionskrankheiten zu tun“, sagt Klaus Hackländer, Professor am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur Wien. „Doch Waldrodungen führen dazu, dass Lebensräume verlorengehen oder an Qualität verlieren.“ Tiere, die davon betroffen sind, werden anfälliger für Krankheiten. Gleichzeitig erschließen sie Lebensräume, die immer näher an der menschlichen Zivilisation liegen.
„Menschen dringen immer weiter in intakte Lebensräume ein, ertschüttern, verändern und zerstören sie. Damit beeinträchtigen wir die Artenvielfalt und verringern den notwendigen Barriereraum zwischen Mensch und Tier“, sagt Lukas Meus, Waldexperte bei Greenpeace. „Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Viren vom tierischen Wirt auf den Menschen überspringen und Epidemien ausbrechen.“
Auch Hackländer betont, dass sich die Beschneidung von Lebensräumen nicht nur auf das Wohlbefinden von Tieren auswirkt, sondern auch auf deren Gesundheit. „Tiere in solchen Lebensräumen sind krankheitsanfälliger, in direktem Kontakt zu Menschen ergibt sich dadurch eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Zoonosen.“ Dasselbe gelte für Wildtiere, die lebend auf Wildtiermärkten gehandelt werden, wie dies vor allem in einigen Regionen Asiens gang und gäbe ist. Genau diese Kontaktfläche dürfte auch die Übertragung von Sars-CoV-2 auf den Menschen ermöglicht haben.

Tanja Traxler: Wie die Abholzung zu Infektionen führt (derstandard.de)

Das Wissen um die Zusammenhänge ist also bereits seit Langem vorhanden. Anlass zum Handeln sieht die Politik darin offensichtlich nicht. Es wird Zeit, den Druck zu erhöhen.

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