Die Erfindung der Forstwissenschaft

Die kapitalistische Gesellschaftsordnung ist identisch mit einer Ordnung der Knappheit. Die vielgepriesene „Ökonomie“ beruht im Wesentlichen darauf, dass durch die Verknappung von Ressourcen (Eigentum) eine Situation des Mangels geschaffen wird. Das galt auch für den Umgang der Menschen mit den sie umgebenden Wäldern. An einem bestimmten Punkt in der historischen Entwicklung wurde es notwendig, dass die Menschen gegenüber dem Wald eine rationalisierte Haltung einnahmen. In diesem Moment wurde aus dem Umgang mit dem Wald eine forstliche „Bewirtschaftung“. 

Das Wissen darum, wie sich diese Bewirtschaftung langfristig organisieren lässt, wurde zusammengefasst in einer sich neu entwickelnden wissenschaftlichen Disziplin: der Forstwissenschaft. Diese entwickelte sich im 18. Jahrhundert und machte aus dem Zusammenhang auch keinen Hehl. Ganz im Gegenteil stellt die Holzknappheit ihren zentralen Gründungsmythos dar. Heinrich Cotta, der als Begründer der modernen Forstwissenschaft gilt, hat diesen Zusammenhang bereits prägnant formuliert:

Es würde keine Ärzte geben, wenn es keine Krankheiten gäbe, und keine Forstwissenschaft ohne Holzmangel. Diese Wissenschaft ist nur ein Kind des Mangels, und dieser ist folglich ihr gewöhnlicher Begleiter.

zitiert nach: Florian Hurtig: Paradise Lost, S. 184 

Allerdings erscheint in der Forstwissenschaft der Zusammenhang von Mangel auf der einen und wirtschaftlicher Nutzung des Waldes auf der anderen Seite als ein ganz natürlicher Zusammenhang. Die Knappheit, so ist dann in einschlägigen Lehrbüchern und den ihnen zugehörigen Vorlesungen zu hören, sei die Folge ungeregelter Nutzung des Waldes durch die Menschen, die in und mit ihm leben. Die moderne Forstwissenschaft habe ihn vor den irrationalen Nutzungspraktiken der zeitgenössischen Landbevölkerung gerettet. 

Die Knappheit kam mit der Durchsetzung der kapitalistischen Ordnung

Diese Erzählung stellt freilich die historischen Abläufe auf den Kopf. Denn tatsächlich war es der gesteigerte Bedarf an Brennmaterial im Rahmen der frühneuzeitlichen Kapitalisierung der Welt, der zur berüchtigten „Holzknappheit“ führte. Das Holz wurde nun benötigt, um Öfen anzutreiben, mit denen Metalle geschmiedet wurden, die ihrerseits in den frühkapitalistischen Warenverkehr eingehen sollten.

Sehr gut dargestellt finden sich die historischen Zusammenhänge im folgenden Vortrag von David Vollmuth. Er spricht in Bezug auf die Entstehung der Forstwissenschaften von einem „forstlichen Gründungsmythos“. 

Ebenso kenntnis- wie detailreich schildert Vollmuth die Zusammenhänge aus der Entstehungszeit der Forstwissenschaft. Allein was die dahinterstehenden sozial-ökonomischen Zusammenhänge angeht, bleibt seine Darstellung erstaunlich diffus. Er spricht „Herrschern und Anführern“, von „der Herrschaft“ und „herrschaftlichen Interessen“, manchmal auch vom „städtischen Interesse“ – und fasst dadurch die sozialen Beziehungen (vor wie nach der Durchsetzung der kapitalistischen Verkehrsformen) vor allem als personale Herrschaftsbeziehungen.

Dabei entgehen ihm leider die zentralen Verschiebungen, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Ordnung einhergeht. Zum einen werden jetzt die vielfältigen Nutzungsrechte der Wälder schrittweise durch ganz eindeutige Eigentumsrechte und Zuständigkeiten ersetzt. Der Wald wird aus einer vielfältigen und pluralen Nutzungspraxis herausgelöst und schrittweise in privates Eigentum überführt. Das ist die Voraussetzung, um ihn schließlich als knappes Gut bewirtschaften zu können.

Dabei ist es keineswegs so, dass der Wald einseitig auf die Nutzungswünsche der Menschen zugeschnitten würde. Er wird vielmehr auf die sich zeitgleich durchsetzenden Nutzungsanforderungen einer kapitalistischen Warenökonomie zugeschnitten. Die nämlich ist auf endloses Wachstum programmiert und benötigt daher einen stetig wachsenden Zustrom an stofflichen Ressourcen, ohne den die Vermehrung des Warenreichtums nicht möglich ist. Auch Vollmuth reflektiert diesen Zusammenhang, etwa wenn er auf die Bedeutungszunahme des Geldes in den frühneuzeitlichen Gesellschaften verweist (Min 13:15).

Diese Verschiebung reflektiert sich selbstverständlich immer auch in Veränderungen der individuellen Positionen, die Menschen in dieser Gesellschaft einnehmen. Macht und Einfluss von den einen nehmen zu, Handlungsmöglichkeiten von anderen nehmen ab. Die Ursache dafür liegt aber nicht in einer willkürlichen Herrschaftspraxis, in der mal die einen und mal die anderen sich durchsetzen können. 

Eine neue Beziehungsform etabliert sich

Sie liegt vielmehr in der Etablierung einer historisch neuen Beziehungsform, die zwischen den Menschen eingezogen wird. Ebenso wie die Wälder aus einer Ordnung vielfältiger Nutzungsrechte herausgetrennt und in privatrechtliche Eigentumsbeziehungen überführt werden, so sind auch die Menschen diesem qualitativen Wandel ihrer sozialen Beziehungen unterworfen. Sie büßen ihre Einbettung in ein plurales Beziehungsgeflecht ein und tauschen es gegen eine Freiheit, die allerdings einen schalen Beigeschmack hat. 

Sie ist nämlich doppelte Freiheit. Frei sind die Menschen nunmehr nämlich nicht nur von den herrschaftlich-hierarchischen Ansprüchen der alten Sozialstrukturen, sondern auch von den Rechten, die ihnen ein (mehr oder weniger kärgliches, aber immerhin ein Über-) Leben garantierten. Ihre einzige Möglichkeit, am gesellschaftlichen Miteinander teilhaben zu können, liegt nun in veräußerlichten sozialen Beziehungen. Sie müssen nun Waren kaufen und verkaufen, um an die Dinge des täglichen Lebens zu kommen.

Dadurch werden sie gleichsam vereinzelt und auf sich gestellt. Insofern stehen sie zu den übrigen Menschen immer auch in einer Konkurrenzbeziehung und zur sich herausbildenden gesellschaftlichen Allgemeinheit einer Marktsphäre in einer Abhängigkeitsbeziehung. Sie müssen am Markt erfolgreich sein, um selbst überleben zu können.

Diese Abhängig- und Notwendigkeit ist qualitativ neu und etabliert sich historisch erst mit der Durchsetzung der kapitalistischen Ökonomie. Sie führt dazu, dass Menschen nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zum Wald eine strategische Haltung einnehmen. Das spiegelt sich etwa im Verhalten der „herrschaftlichen Holzanweiser“, von denen Vollmuth berichtet (Min 26:56), die mehr Holz abschlagen als notwendig, um das eigene Überleben zu garantieren. Diese Notwendigkeit ist keineswegs eine überhistorische Fundsache, sondern die konkrete Folge der Etablierung einer ökonomischen Rationalität, die alle Menschen auf ihre individualisierten Interessenstandpunkte zurückwirft (und diese genau genommen dadurch überhaupt erst hervorbringt).

Ein Kommentar

  1. Das Buch Paradise Lost von Florian Hurtig hat den Untertitel “Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur”.
    Demnach wird eine polykulturelle, nachhaltige und Commons-förmige Nutzung des Waldes mit dem Aufkommen der Neuzeit (und dem Kapitalismus) verdrängt. Aus Wald wird Forst.
    Stefan Meretz weist in Streifzüge 82-2021 darauf hin, dass polykulturelle Techniken bereits sehr früh in der Menschheitsgeschichte im Wald angewendet wurden.

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