"Deterrence is the art of producing in the mind of the enemy... the fear to attack. And so, because of the automated and irrevocable decision making process which rules out human meddling, the doomsday machine is terrifying." - Dr. Strangelove (1964) Flickr

Pinker und der Wolf

Der Mensch ist ein kriegerisches Wesen! Das behauptet zumindest der Populärwissenschaftler Steven Pinker und wärmt damit in seinem Buch „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ einen alten Mythos der Aufklärung auf. Der Mensch ist an sich schlecht und benötigt einen Staat bzw. eine „neutrale Instanz“, die ihn zivilisiert und auf diese Weise befriedet. Thomas Hobbes hatte dies als erstes in dieser Form im 17. Jahrhundert zu Papier gebracht. Für ihn war der „Mensch ein Wolf für den Menschen“. Mithilfe einer riesigen Menge an Zahlen versucht Pinker in seinem Buch, diese Hypothese zu bestätigen.

Ein Beitrag des YouTube Kanals „Then & Now“ zeigt jedoch sehr eindrücklich, dass Pinker gar nicht der neutrale Wissenschaftler ist, als der er sich ausgibt. Er verfolgt vielmehr eine Agenda und richtet danach auch sein Material aus. Da sind z. B. seine seine Daten über moderne Jäger- und Sammlergesellschaften. Mit ihnen möchte Pinker aufzeigen, dass diese Gesellschaften deutlich brutaler waren als die zivilisierten Gesellschaften liberaler Prägung. Im Video wird diese Argumentation nun in Frage stellt – mit dem Hinweis, dass die Daten, auf die er sich bezieht, aus einer einzigen Studie entnommen sind. Interessanterweise entstanden die kriegerischen Auseinandersetzungen laut dieser Studie fast ausschließlich durch Konflikte im Zuge des Kolonialismus. Tatsächlich trifft hier also die gewalttätige Moderne auf die eigentlich friedlichere Vor-Moderne. Der Moderator des Videos erwähnt andere Studien, die aufzeigen, dass viele vormoderne Gesellschaften unser Konzept des Krieges von sich aus nicht kannten.

Bei archäologischen Studien tritt zudem das Problem auf, dass mit sehr vielen Unwägbarkeiten gearbeitet wird. Viele Generalisierungen des Buches sind, wie der Moderator sehr schön zeigt, nur sehr schwer zu halten. Darüber hinaus beginnt Pinker seine Geschichte der Gewalt erst mit dem Neolithikum, also dem Zeitpunkt, an dem der Homo Sapiens begann, sesshaft zu werden und Agrikultur zu betreiben. Die Zeit davor wird einfach ausgeblendet, gewissermaßen als ein nicht-menschlicher Zeitraum. Damit ist ausgeschlossen, dass sie für eine eventuell „friedliche Natur“ des Menschen herangezogen werden kann. Die zugegeben spärlichen Hinweise auf das Leben als Jäger und Sammler vor dem Neolithikum deuten laut dem Moderator jedoch auf eine ganz und gar nicht gewalttätige Existenz hin. Ein Anthropologe meint sogar, dass kriegerische Auseinandersetzungen in 99 Prozent der bisherigen Menschlichen Existenz selten bis nicht existent war. Das durchaus sehenswerte Video ist hier zu sehen:

Wie dem auch sei: Am Ende bleibt ein merkwürdiger Prozente-Salat übrig, aus dem keinerlei allgemeine These abgeleitet werden kann. Statt nun den ewigen Streit über die Natur des Menschen weiterzuführen, könnte daraus geschlossen werden, dass der Mensch weder Gut noch Böse ist. Denn schon Karl Marx wies in seinen Thesen über Feuerbach darauf hin, dass der Mensch ein „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ sei. Wer nun wie Thomas Hobbes und Jean Jaques Rousseau, oder (in der Neuauflage) wie Steven Pinker und Rutger Bregman, eine menschliche Natur sehen möchte, blendet genau diese gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Diese sind jedoch der Schlüssel, um das (kriegerische) Verhalten der Menschen untersuchen zu können:

„You might say that it´s within human nature to have the capacity for warfare but you could also say it´s within human nature to have a capacity to make balloon animals or play the oboe. Whats more interesting, is the context. What motivates war, and what stimulates peace and cooperation?”

Deutsch: „Man könnte sagen, dass die menschliche Natur das Potential für Krieg hat, man kann jedoch genauso sagen, dass sie das Pozential hat Tier-Ballons zu machen oder die Oboe zu spielen. Viel interessanter ist der Kontext. Was motiviert Krieg und was fördert Frieden und Kooperation?“

Minute 27:00

Was der Beitrag vermissen lässt, ist die Spezifik der Moderne. Er vergleich der Einfachheit halber die Moderne mit der Vormoderne und muss sich auf diese Weise gar nicht der Frage stellen, wie es denn sein kann, dass in einer sich aufgeklärt dünkenden Gesellschaft die schlimmsten Kriege der Weltgeschichte entstehen konnten und können. Oder dass Terror und seine Reaktion der Krieg gegen den Terror genauso wie das riesige Netzwerk des blutigen Drogenhandels und seine Antwort, der Krieg gegen die Drogen, entstehen und offensichtlich nicht kriegerisch verhindert werden können.

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