Zahlen - die Götter des kapitalistischen Wissenschaftsbetriebs.

Verschönerung der Statistik: Die Arbeitslosenzahlen

Reihe Zahlenfetisch

In der politischen Diskussion spielen Zahlen eine große Rolle. Sie helfen uns, bestimmte Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen. Allerdings leisten sie dies nur, wenn wir uns klar machen, für welche Aussagen wir sie heranziehen können und für welche nicht. In dieser Textreihe wollen wir verschiedene Indizes auf ihre Ursprünge und Grenzen hin untersuchen.

Die Gesamtzahl der offiziellen gemeldeten Arbeitslosen in Deutschland beträgt zum Zeitpunkt, in dem dieser Text entsteht laut Arbeitsagentur 2.760.000 Menschen. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6 Prozentpunkten. Die damit verbundenen Zahlen sind ein zentraler Marker in der politischen Diskussion um Arbeit und Wirtschaft. Die Zahlen hinter dem realen Phänomen der Arbeitslosigkeit spielen ein Eigenleben und bekommen eine Bedeutung zugeschrieben, die sich ein gutes Stück von der Realität der Betroffenen entfernt, weshalb der Mathematiker Claus-Peter Ortlieb auch gerne darauf verwiesen hat, Zahlen würden hier in einen Fetisch verwandelt, d. h. so betrachtet, als hätten sie magische Fähigkeiten.

In dieser Fetisch-Wahrnehmung führt die in Bezug auf die Arbeitslosigkeit verhandelte Zahl insofern ein Eigenleben, als das ihr Sinken zur zentralen Aufgabe erklärt wird. Dagegen tritt die Notwendigkeit, Menschen von den negativen Folgen von Arbeitslosigkeit in einer Arbeits- und Leistungsgesellschaft zu befreien, in den Hintergrund. Wichtig ist nicht, dass die Menschen einen gut bezahlten Job bekommen, in dem sie glücklich werden und der Gesellschaft durch die Ausführung wichtiger Tätigkeiten weiterhelfen können. Am Ende zählt dann einzig und allein, dass die Zahl sinkt.

Tatsächlich tauchen ja nicht einmal alle Menschen ohne Job in dieser Statistik auf. Die Tagesschau fasst zusammen:

„Wer sich nicht zur Arbeitssuche meldet, taucht in der Statistik nicht auf. Gleiches gilt für alle, die nicht mindestens 15 Stunden pro Woche arbeiten könnten oder wollen. Auch wer krankgeschrieben ist, fällt in dieser Zeit aus der Statistik. In der Arbeitslosenstatistik fehlen aber vor allem jene, die durch Instrumente der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden. Das betrifft die Fort- und Weiterbildung genauso wie Trainings- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Wer einen Ein-Euro-Job hat oder einen Gründungszuschuss erhält, ist damit offiziell nicht arbeitslos. In der Statistik fehlen zudem alle Personen ab einem Alter von 58 Jahren, die mindestens seit zwölf Monaten Arbeitslosengeld II beziehen und in dieser Zeit keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen haben. Zusätzlich streicht die Arbeitsagentur alle aus der Statistik, die eine Vermittlung erschweren, weil sie ihre Pflichten bei der Jobsuche nicht erfüllen – zum Beispiel, weil sie nicht oder nicht zeitnah dazu bereit sind, an Maßnahmen der Arbeitsagenturen teilzunehmen, oder weil sie sich weigern, eine „zumutbare Beschäftigung unter den üblichen Bedingungen des für sie oder ihn in Betracht kommenden Arbeitsmarktes“ anzunehmen.“

David Rose: Was die offizielle Statistik verbirgt

Wenn also ein bislang in der Statistik geführter Mensch in einen völlig sinnlosen Weiterbildungskurs vermittelt wird, sinkt die Arbeitslosenzahl. Berichte über die Sinnlosigkeit dieser Kurse finden wir zu Hauf. Sie sind allesamt erschreckend und lassen sich (jenseits von Missmanagement) nur dadurch erklären, das ihr eigentliches Ziel in der Senkung der Arbeitslosenzahlen besteht, Das Portal Hartz IV Widerspruch etwa fasst zusammen:

Das Jobcenter scheint viel für Weiterbildung zu tun. Immer mehr Menschen belegen Bildungsmaßnahmen. Der Arbeitsminister betont den Stellenwert von Hartz 4-Weiterbildungen. Neue Zahlen zeigen aber: Die Jobcenter sparen, indem sie billige Maßnahmen verordnen und an teuren Weiterbildungen sparen. Leider helfen die billigen Maßnahmen aber vor allem einer: Der Statistik der Arbeitsagentur.

Johanna Höfer: Hartz 4-Weiterbildung: Wie das Jobcenter am falschen Ende spart

Die tatsächliche Situation in Bezug auf die Arbeitslosigkeit lässt sich daher anhand der offiziellen Zahlen lediglich erahnen. Alleine das die in einem jährlichen Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes festgehaltene Armutsquote deutlich über der offiziellen Arbeitslosenzahl liegt macht, zweierlei deutlich: dass die Not größer ist als die offiziellen Zahlen vermuten lassen und das auch Arbeit ganz offensichtlich nicht vor Armut schützt:

Seit seiner Veröffentlichung am 20. November 2020 sorgt der diesjährige Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes für Diskussionen. […] Laut Berechnung des Verbandes liegt die Armutsquote in der Bundesrepublik derzeit bei sage und schreibe 15,9 Prozent. Umgerechnet leben also rund 13 Millionen Deutsche in Armut. Verglichen mit dem Tiefstwert von 2006 (14 Prozent) ließ sich ein Anstieg um fast 2 Prozentpunkte verzeichnen.

Jana Hacker: Armut auf Rekord-Niveau: Regierung verweigert sich?

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