Lässt sich der Klimawandel in Zahlen ausdrücken?

Wozu gibt’s CO2-Äquivalente?

Reihe Zahlenfetisch

In der politischen Diskussion spielen Zahlen eine große Rolle. Sie helfen uns, bestimmte Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen. Allerdings leisten sie dies nur, wenn wir uns klar machen, für welche Aussagen wir sie heranziehen können und für welche nicht. In dieser Textreihe wollen wir verschiedene Indizes auf ihre Ursprünge und Grenzen hin untersuchen.

Ein zentrales Triebmittel der Klimakrise sind die Treibhausgase, die durch das spezifisch kapitalistische Naturmanagement in die Umwelt gepustet werden. Von denen gibt es eine ganze Menge. Bekannt ist vor allem Kohlendioxid (CO2), das als wichtigstes Treibhausgas gilt. Doch es gibt noch weitere Klimasünder, etwa die Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), Methan, troposphärisches (bodennahes) Ozon und Distickstoffmonoxid (Lachgas).

Diese Treibhausgase wirken auf jeweils ganz eigene Weise auf die Erderwärmung ein. Diese vielfältige Problemlage stellt sich als Problem für die Politik dar: Es lässt sich nur schwer abschätzen, welche Maßnahmen welche (zumindest ungefähre) Wirkung auf das Klima haben könnten.

Um also die vielfältige Realität handhabbar für den politischen Raum zu machen, hat sich das Konzept der CO2-Äquivalente durchgesetzt. Das Grundprinzip ist dabei einfach zu verstehen:

Um die verschiedenen Treibhausgase vergleichbar zu machen, werden sie hinsichtlich ihrer Klimaschädlichkeit in Kohlendioxid-Äquivalente umgerechnet. Methan etwa ist 30-mal so schädlich wie CO2, ein Kilogramm Methan entspricht deshalb 30 Kilogramm CO2-Äquivalent.

Ein Kilogramm Lachgas entspricht sogar 300 Kilogramm CO2-Äquivalent. Die Treibhausgasemissionen eines Landes ergeben sich aus der Summe der verschiedenen ausgestoßenen Treibhausgase, umgerechnet in CO2-Äquivalent.

Klimaretter-Lexikon: CO₂-Äquivalent

Co2-Äquvalente als zentrales Maß

Die CO2-Äquivalente sind mittlerweile zum zentralen Bezugspunkt der offiziellen Klimapolitik geworden. Um vereinbarte Klimaziele zu erreichen (die selber in abstrakten Maßzahlen gemessen werden), wird ermittelt wie viele dieser CO2-Äquivalente eingespart werden müssen.  Dieses Verfahren hat den großen Vorteil, dass es die Dimensionen der Klimakrise überhaupt erst begreifbar macht. Insofern hat es sicherlich mit dazu beigetragen, dass die Politik zumindest in Ansätzen beginnt, das vor uns liegende Problem ernst zu nehmen. Gleichzeitig ist die Orientierung an dieser Maßzahl aus verschiedenen Gründen sehr schwierig und bisweilen auch unzureichend. Auf einige der Aspekte, die diese Orientierung schwierig machen, soll hier kurz eingegangen werden.

Zunächst einmal wird hier, wie so häufig, ungleiches gleich gesetzt. Die Beziehungen der Gase aufeinander lassen sich mit einfachen Formeln wie „30-mal so schädlich“ nur sehr unzureichend beschreiben.

Die Unterschiede zwischen diesen Gasen – was ihr Erwärmungspotenzial, ihre Verweildauer in der Atmosphäre, ihr Auftreten und ihre Wechselwirkung mit lokalen Ökosystemen und lokalen Ökonomien betrifft – sind enorm. Ihre Zusammenfassung in einer einzigen Messgröße vereinfacht die Dinge beträchtlich – und erlaubt es der Politik, eine Pauschallösung im Hinblick auf ein bestimmtes übergreifendes Ziel zu verfolgen.

Camila Moreno, Lili Fuhr und Daniel Speich Chassé: CO₂ zählen ist kein Klimaschutz

Dieser Ungenauigkeit steht nun ein immenser Vorteil gegenüber, zumindest wenn wir uns das Problemfeld aus der Perspektive des kapitalistischen Produktionsprozesses ansehen. Denn die Vereinheitlichung auf eine einzelne Zahl lässt eine Vielzahl an gleichberechtigten Möglichkeiten aufscheinen, die Zahl abzusenken. Neben der naheliegenden Maßnahme, einfach die wirtschaftlichen Aktivitäten einzuschränken und dem Kapital den Stinkefinger zu zeigen, scheinen nun noch viele weitere Maßnahmen auf. So wird beispielsweise vermehrt über sog. End-of-Pipeline-Technologien diskutiert. Die setzen einfach hinter einen unverändert stattfindenden Produktionsprozess eine nachträgliche Maßnahme zum Umweltschutz. Das kann ein Lärmschutz sein oder eine Filteranlage für Abgase. Mit diesen Maßnahmen wird dann ein CO2-Ausstoß verhindert, der ohne sie stattgefunden hätte. Deshalb können sie als Minderung des CO2-Ausstoßes im Rahmen einer CO2-Bilanz gegen die real stattfindenden Emissionen gegengerechnet werden.

Das versetzte die Entscheidungsträger in die Lage, die Aufmerksamkeit von einem naheliegenden, aber politisch schwierigeren Ziel abzulenken: jene Aktivitäten zu begrenzen, die diese Emissionen überhaupt erst hervorbringen.

Camila Moreno, Lili Fuhr und Daniel Speich Chassé: CO₂ zählen ist kein Klimaschutz

Scheinbare CO2-Neutralität

Die Verrechnung von Emissionen führt dann zum Konzept der CO2-Neutralität. Dabei wird, wie bereits angedeutet, die Verursachung von CO2 mit sog. „CO2-kompensierten Aktivitäten“ gegengerechnet.

Das kann z. B. dadurch geschehen, dass zusätzliche Gelder in Projekte fließen, die die Energieeffizienz von Anlagen, Kraftwerken oder Gebäuden erhöhen, oder für den Bau von emissionsfreien Kraftwerken (z. B. Windenergieanlagen) verwendet werden, die dann etwa Kohlekraftwerke ersetzen. Gewisse Institutionen wie z. B. myclimate in der Schweiz bieten solche CO2-Kompensation unter anderem für Flugreisen, den Betrieb von Autos, für Haushalte und Industrieunternehmen an. Es wird sogar gelegentlich das Konzept einer klimaneutralen Schweiz diskutiert, nach dem die gesamten CO2-Emissionen des Landes im Ausland CO2-kompensiert würden.

Energie-Lexikon: CO neutral

Auf diese Weise wird ein weites Feld an marktwirtschaftlichen Aktivitäten möglich, die das dahinterliegende Problem des Kapitalozän allerdings verschleiern. Nur aus diesem Grund kann dann etwa eine so unsinnige Diskussion aufkommen wie die, ob Atomkraft nicht am Ende vielleicht sogar gut für die Umwelt sei. Darüber hinaus konnte nun auch die Natur im Sinne einer CO2-Neutralität vermessen werden. Seitdem ist es üblich,

den Fokus auf die Nettoemissionen zu richten und dabei biologische Prozesse, bei denen es um Boden, Pflanzen und Tiere geht, mit solchen zu verrechnen, bei denen fossile Rohstoffe verbrannt werden. Reisfelder und Rinder wurden dadurch genau wie Industrieanlagen als Emissionsquellen behandelt und tropische Wälder, Baumplantagen in Monokultur und Sümpfe als Emissionssenken. Ergebnis: Die Politik begann nach Lösungen zu suchen, die den Ausgleich von Emissionen im Ausland statt ihrer Reduzierung im eigenen Land oder an der Quelle beinhalteten.

Camila Moreno, Lili Fuhr und Daniel Speich Chassé: CO₂ zählen ist kein Klimaschutz

Der Klimawandel lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren

Überall ist seitdem von ökologischen Senken die Rede. Auf diese Weise können Märkte für „Ökosystemdienstleistungen“ erschlossen und neue Verwertungsquellen aufgemacht werden. Da deren Ziel die Vermehrung von Profiten ist, steht der tatsächliche ökologische Nutzen im Hintergrund und spielt nur insofern eine Rolle wie er notwendig ist, um die Illusion der Plausibilität aufrechtzuerhalten. Aber immerhin lassen sich auf diese Weise nicht nur Gewinne generieren, sondern alle Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise in marktkonforme Rechenmodelle packen. Am Ende wird alles mit allem verglichen und ökologischer Wandel kann simuliert werden, ohne das sich tatsächlich etwas verändern muss. Das fällt auf, sobald wir uns die Maßnahmen ansehen, die im Zuge dieser Praxis als CO2-Kompensation angerechnet werden. Da wird oftmals bereits der bloße Verzicht auf einen weiteren Eingriff in die Ökosysteme als positive Handlung gegen die Vernutzung von Natur an anderer Stelle gegengerechnet:

Überall auf der Welt bilden sich neue Märkte für sogenannte Ökosystemdienstleistungen. Ein Beispiel für einen der älteren derartigen Märkte ist das Wetland Mitigation Banking in den USA. Bei diesen „Feuchtgebiets-Eingriffs-Bankgeschäften“ geht es darum, ein Feuchtgebiet oder einen Bachlauf zu erhalten, aufzuwerten oder anzulegen, um die negativen Folgen eines geplanten Projekts auf ein ähnliches Ökosystem an anderer Stelle auszugleichen. Das geschieht durch Ausgabe handelbarer Zertifikate.

Ähnlich funktionieren Ausgleichsprogramme zur Erhaltung der Artenvielfalt – das sogenannte Biodiversity Offsetting. Dabei können Unternehmen oder Privatpersonen sogenannte Biodiversity Credits erwerben, um ihre Umweltbilanz zu verbessern. Anders als die Ökokonten zum Ausgleich von Eingriffen in Deutschland können diese Biodiversitätsguthaben in den USA nach bestimmten Regeln gehandelt werden.

Falls sich diese Programme allzu bequem anhören, dann liegt das daran, dass sie es sind. Tatsächlich beruhen sie auf demselben fehlerbehafteten Konzept wie der Emissionshandel, und in einigen Fällen rechnen sie tatsächlich Artenvielfalt und Ökosysteme in CO2-Äquivalent um. Statt unser Wirtschaftssystem anzupassen, damit es sich in die gegebenen Grenzen unseres Planeten einfügt, definieren wir die Natur um, damit sie in unser Wirtschaftssystem passt – und verbauen uns damit andere Formen des Wissens und echte Alternativen.

Camila Moreno, Lili Fuhr und Daniel Speich Chassé: CO₂ zählen ist kein Klimaschutz

Um den Herausforderungen der Klimakrise zu begegnen, wäre es also nötig, die ökologische Problemlage ganzheitlicher zu begreifen und wegzugehen von einem bloß oberflächlichen, auf abstrakten Zahlenspielereien beruhenden Naturmanagement. 

Wer die Kritik an der Bemessung von CO2-Äquivalenten vertiefen möchte, dem sei diese umfassende Studie empfohlen: Camila Moreno, Daniel Speich Chassé und Lili Fuhr: CO2 als Maß aller Dinge: Die unheimliche Macht von Zahlen in der globalen Umweltpolitik

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